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  • 2012 - Das Jahr in dem der Euro garantiert nicht untergeht

    Die meisten Menschen neigen zum selektiven Lesen. Wer wegen der Euro-Schuldenkrise zum Euro-Skeptiker geworden ist, bevorzugt jene Artikel, die von Euro-Skeptikern geschrieben wurden, um seine eigene Meinung bestätigt zu wissen. Dabei sollte jeder Euro-Skeptiker vor allem Artikel aus der Feder von Euro-Befürwortern bevorzugen, denn neues lernt man nur von Menschen, die eine andere Sicht auf die Welt haben, als man selbst.

    (Düsseldorf, 07.02.2012) Wie es überhaupt zur Krise kommen konnte, scheint inzwischen allgemein bekannt: Nachdem Ende der 1990er Jahre der Euro eingeführt worden war, kam es zu einer raschen Zinsanpassung an ein beinahe vollkommen einheitliches Niveau. Vor allem in den heute so gerügten Staaten Griechenland, Portugal, Spanien und Italien bedeutete dies eine massive Verbilligung von Krediten. Durch die Niedrigzinsen entstand also der Anreiz, sich exzessiv zu verschulden, was z.B. in Spanien zu einer Immobilienblase nebst Sparkassenkrise oder in Griechenland zur Erhöhung der Staatsverschuldung führte. Doch entgegen der vorherrschenden Meinung erlag nicht jede Regierung diesem Anreiz zum beschleunigten Schuldenmachen: Spanien und Italien widerstanden dem Anreiz und bauten zwischen 1999 und 2007 ihre Staatsverschuldung massiv ab, Spanien von über 60% auf unter 40%, Italien von gut 120% auf gut 100% ihres jeweiligen BIP. Es ist also ein unwahrer Mythos, daß die Euro-Einführung zur Euro-Schuldenkrise geführt hätte. Erst ab 2007, also acht Jahre nach Euro-Einführung, ist eine allgemeine Tendenz zur Erhöhung der Staatsverschuldung erkennbar. Allerdings nicht nur in der Eurozone, sondern weltweit.

    Reflexiver Teufelskreis

    Erst im Jahr 2009 begannen sich die verschiedenen europäischen Zinssätze voneinander abzukoppeln, allen voran stiegen die griechischen Zinsen stark an, während die Zinsen in Ländern wie Deutschland oder Frankreich stagnierten oder gar weiter fielen. Schnell machte das Wort "PIGS" die Runde, die Abkürzung für die mutmaßlichen Schuldensünder Portugal, Italien, Griechenland und Spanien, also den Ländern, in welchen sich dank Pleitegerüchten und Ratingherabstufungen spätestens ab 2010 ein klarer Aufwärtstrend der Zinsen etablieren konnte. Plötzlich wurden Staatspapiere, die eben noch als "risk free" galten, nicht mehr als risikofrei wahrgenommen. Die Investoren bekamen Angst, die PIGS könnten zahlungsunfähig werden. Anfangs war es eher Vorsicht, doch aus Vorsicht wurde Angst. Denn die steigenden Zinsen bzw. fallenden Anleihekurse führten bei den prozyklisch agierenden Instituten unter den drei großen Ratingagenturen zu Herabstufungen dieser Länder. Jede beachtete Herabstufung allerdings sollte wiederum selbst zu steigenden Zinsen bzw. sinkenden Anleihekursen führen, in deren Folge sich die Angst vor Staatsbankrott und Zahlungsausfall noch weiter erhöht, was dann irgendwann abermals prozyklische Ratingherabstufungen nach sich ziehen muß. Ein echter reflexiver Teufelskreis entstand. Er wäre höchstwahrscheinlich auch ohne Zutun der prozyklisch agierenden Ratingagenturen entstanden, denn jeder denkende Investor fällt im Geiste sein eigenes Bonitätsurteil. Die Agenturen haben den reflexiven Teufelskreis nicht zu verantworten, doch sie haben diesen negativen Prozeß vermutlich stark beschleunigt.

    Liquiditätskrise oder Überschuldungskrise?

    Die Angst steigerte sich bis ins Irrationale. Sie ist nun so groß, daß kaum noch ein Investor bereit ist, in die Staatsanleihen der PIGS zu investieren bzw. den PIGS als Gläubiger die Refinanzierung bestehender oder die Aufnahme neuer Schulden zu ermöglichen. Anders formuliert, führte die Angst vor einer Überschuldung zu einer massiven Liquiditätskrise, denn liquide ist nur der Staat, dem jederzeit ausreichend zahlungswillige Anleihekäufer gegenüberstehen, was derzeit, wie gesagt, nicht der Fall ist. Von diesem Liquiditäts-Problem ist einerseits das sicher erkennbar überschuldete Griechenland betroffen. Andererseits traf es aber auch Länder, bei denen keine klar erkennbare Überschuldung vorliegt, wie z.B. Spanien oder Italien. Deren implizite Zinslastquoten sind zwar relativ hoch, doch wohl noch immer in einem gut handhabbaren Bereich. Bestes Beispiel ist Italien, dessen Schuldenstand Mitte der 1990er Jahre mit ca. 120% vom BIP in etwa dem heutigen Stand entsprach. Doch die italienischen Zinsen waren damals wesentlich höher als sie es heute (Anfang Februar 2012) sind. Damals gelang es den Italienern in den folgenden 10 Jahren, den Staatsverschuldungsstand von gut 120% auf gut 100% abzubauen. Warum sollte dies nicht ein weiteres Mal gelingen? Vor diesem Hintergrund scheint mir die Frage, ob die Euro-Krise eher Liquiditäts- oder Solvenzkrise (Überschuldungskrise) ist, relativ eindeutig beantwortbar.

    Euro-Devisenkurs und Wettbewerbsfähigkeit

    Da deutlich steigende Staatsschuldenstände erst mit Beginn der Finanzkrise im Jahr 2007 zu beobachten sind, und zwar nicht nur im Euroraum, sondern beinahe überall in der entwickelten Welt, könnte man zum Ergebnis kommen, der Euro als Währung hätte eigentlich gar nichts mit der Euro-Krise zu tun. Gäbe es da nicht die Debatte um die unterschiedliche Wettbewerbsfähigkeit der einzelnen Euro-Mitgliedsstaaten. Weil alle Euro-Mitglieder dieselbe Währung teilen, ist es den einzelnen Mitgliedern nicht möglich, ihre Währung abzuwerten, um Wettbewerbsnachteile wie z.B. hohe Produktionskosten auszubügeln. Griechenland wird momentan die schlechteste Wettbewerbsfähigkeit nachgesagt. Das Land "leidet" an einer chronisch negativen Handels- bzw. Leistungsbilanz, importiert also mehr Güter und Dienstleistungen, als es exportiert. Hätte Griechenland eine eigene Währung, so könnte diese ganz einfach abgewertet werden. Effekt: Die Staatsschulden würden sich dem Wert nach verringern und die in Griechenland produzierten Waren würden sich verbilligen, was den Export stärken sollte. Gleichzeitig würde sich der Import verteuern. Problem gelöst. Die Handelsbilanz wäre im Nu wieder ausgeglichen. Zumindest in der Theorie. Doch Griechenland hat nunmal keine eigene Währung mehr. Der Plan ist also nicht durchführbar. Weiteres Nachdenken darüber lohnt also nicht. Doch es gibt Bestrebungen, Griechenland aus dem Euro-Raum zu entlassen und dort wieder eine eigene Währung zu installieren. Doch dieser feuchte Traum der Euro-Gegner wird 2012 mit höchster Wahrscheinlichkeit nicht verwirklicht werden, denn die Schulden, die Griechenland - sowohl der Staat als auch der Privatsektor - inzwischen angehäuft hat, ist in Euro denominiert und würde daher bei einer Rückkehr zur Drachme, geradezu explodieren. Eine Abwertung um 50% käme einer Verdopplung der Schuldenlast gleich. Dazu kommt, daß man durchaus die Frage nach der Sinnhaftigkeit einer Abwertung nachdenken kann. Denken wir an Mecklenburg-Vorpommern oder Bremen. Beide Länder sind hochverschuldet und nur mäßig wettbewerbsfähig, sollten nach der Logik der Euro-Skeptiker also am besten freiwillig aus Deutschland austreten und eine eigene Währung bekommen, welche dann am Finanzmarkt abwerten sollte.

    Das Spar-Paradoxon

    Nach der festen Überzeugung dieses Autors ist die dramatische Rezession in Griechenland viel weniger Folge eines Mangels an Wettbewerbsfähigkeit als vielmehr völlig falschen Sparens. Die von der sogenannten Troika EU, IWF und EZB erzwungenen drakonischen Sparmaßnahmen führten, fast wie im Lehrbuch, zu einer Schrumpfung des Bruttoinlandsproduktes und zu einer Erhöhung des Schuldenstandes. Ökonomen sprechen vom Spar-Paradoxon. Zu drastische Reduzierungen der Staatsausgaben führen normalerweise zu einem Rückgang des Bruttoinlandsproduktes. Dies bedeutet mehr Arbeitslose, was die Staatsausgaben wieder erhöht, und weniger Steuer- bzw. Staatseinnahmen. Wegen der gesunkenen Staatseinnahmen und der gestiegenen Sozialkosten (Staatsausgaben) bleibt die Neuverschuldung hoch, der absolute Schuldenbetrag steigt also deutlich weiter. Und wegen des gesunkenen BIP steigt auch die relative Schuldenquote. Wer zu stark spart, darf sich nicht über streikende Arbeiter, einen Einbruch der Wirtschaft, ausbleibende Steuereinahmen und sogar - trotz bzw. wegen Ausgabenkürzungen - steigende Staatsausgaben wundern.

    Bedrohtes Finanzsystem

    Als die großen Staatsfinanciers sind bekanntlich Banken und Versicherer negativ von der Euro-Krise betroffen. Die ohnehin schon angeschlagenen Finanzinstitute müssen mit enormen Wertabschreibungen der von ihnen gehaltenen Staatsanleihen rechnen. Bei griechischen Staatsanleihen soll in diesem Jahr mit der Umsetzung des 2011 angekündigten Gläubigerverzichts begonnen werden. Insgesamt wird dieser zu erwartende Schuldenschnitt zwar zu einer starken Belastung der Finanzinstitute werden, doch sollten sie ihn mehrheitlich sicher überstehen, vor allem wegen der relativ geringen Größe Griechenlands. Allerdings geht von einem Schuldenschnitt eine verheerende Signalwirkung aus, zeigt er doch klar an, daß Staatsanleihen, selbst in der Eurozone, eben nicht absolut "risk free" sind und man sich nicht 100%ig sicher auf vollständige Rückzahlung des geliehenen Geldes verlassen kann. Dieser, wie ein Tabubruch anmutende Vorgang verstärkt die Angst der Investoren, Ländern wie z.B. den PIGS Geld per Kauf von Staatsanleihen zu leihen, was wiederum einen negativen Einfluß auf die Kursentwicklung der betroffenen Anleihen mit sich bringt. Hinzu kommt eine weitere Ausweitung des zu beobachtenden gegenseitigen Mißtrauens unter den Banken: Weil Bank A damit rechnen muß, Bank B könnte Wertverluste von PIGS-Anleihen nicht verkraften, wird Bank A kurzfristig kaum noch bereit sein, Bank B am Interbankenmarkt kurzfristig Geld zu leihen. Dem Interbankenmarkt droht eine Austrocknung mangels Liquidität. Doch die Notenbanken stehen Gewehr bei Fuß und versuchen den Mangel an Liquidität auszugleichen, z.B. per Dollar-Swap-Geschäften, deren Zinssatz Ende 2011 deutlich herabgesenkt wurde.

    Wege aus der Krise

    Weitgehend Einigkeit herrscht darüber, wie die Euro-Krise gelöst werden kann. Zum einen widmet sich die Politik dem mutmaßlichen Solvenz- bzw. Überschuldungsproblem, indem der Versuch unternommen wird, die Staatsverschuldung abzubauen. Wie es das Spar-Paradoxon nahelegt, kann dies nur sehr langfristig gelingen. Doch dies allein kann die Krise nicht beenden. Der ungemein wichtigere Schritt ist die Beseitigung des Liquiditätsproblems, also die Sicherstellung der Refinanzierbarkeit und jederzeitigen Möglichkeit sich am Finanzmarkt neu zu verschulden. Logische Folge: Die privaterseits fehlende Nachfrage nach Staatsanleihen muß von Dritten ausgeglichen werden. Diese Aufgabe erfüllen der IWF, die Rettungsschirme EFSF bzw. ESM und die EZB. Es darf darüber gestritten werden, ob es sinnvoll ist, die fehlende Nachfrage nach Staatsanleihen dauerhaft mit enormen Geldaufwand auszugleichen, oder ob nicht der Versuch unternommen werden sollte, die verloren gegangene private Nachfrage wiederherzustellen, was die Liquiditätskrise der PIGS-Staaten sofort beenden würde.

    Gehebelte Rettungsschirme

    Wie gesagt sollen die Rettungsschirme EFSF bzw. ESM vor allem die fehlende private Nachfrage nach PIGS-Anleihen ersetzen. Hierfür emittiert z.B. die EFSF gemeinschaftlich von den Euro-Staaten besicherte bzw. garantierte Anleihen, also Eurobonds. Mit dem so eingesammelten Kapital werden dann klamme Schuldnerstaaten wie Griechenland finanziert. Leider ist das Volumen der Rettungsfonds auf jeweils etwa eine halbe Billion Euro begrenzt und soll per gemeinsamen Beschluß der EU-Finanzminister auch nicht mehr erhöht werden können. Diese sture Begrenzung wirkt stark kontraproduktiv, sorgt sie doch für eine weitere Ausweitung der Angst vor einem Zahlungsausfall unter der Investorengemeinde, welche noch im Herbst 2011 sogar auf eine deutliche Aufstockung des Volumens durch den sogenannten Bank-Hebel gehofft hatte. Bei diesem Modell wären EFSF und ESM mit einer Banklizenz ausgestattet worden, welche es ihnen erlaubt hätte, bei der EZB zu verschulden, indem Anleihen als Sicherheit hinterlegt worden wären. Somit hätte das Volumen der Rettungsschirme auf mehrere Billionen Euro ausgeweitet werden können. Viel genug, um jeden zögerlichen Investor zu überzeugen, daß die Liquidität aller PIGS zweifelsfrei sicher gestellt wäre. Leider verhinderten starke Bedenken der deutschen Bundesbank hinsichtlich der Inflationsgefahren diesen Plan und man entschied sich für den sogenannten Versicherungshebel, manchmal auch Achleitner-Plan genannt, der jedoch nicht auf selbigen zurückgeht, sondern vom europäischen Think-Tank Re-Define ausgearbeitet wurde. Leider hat die Sache einen Haken: Beim Versicherungshebel wird nicht gehebelt. Das Rettungsvolumen wird nicht um einen Cent erhöht. Dennoch ist die Grundidee nicht schlecht: Man versucht die private Nachfrage nach PIGS-Anleihen dadurch zu verstärken, indem man den Investoren einen Teil ihrer Investitionen mit den Mitteln des Rettungsschirms garantiert, daher die Bezeichnung Versicherungshebel. Doch leider sind diese Mittel, wie bereits gesagt, auf einige hundert Milliarden Euro begrenzt. Offensichtlich zu wenig, um das Vertrauen der Investoren wiederherzustellen, selbst für den Fall, in welchem EFSF und ESM vorübergehend parallel operieren werden.

    Eurobonds

    Eurobonds wären eine weitere Möglichkeit, fehlendes Vertrauen und fehlende Nachfrage nach PIGS-Anleihen wiederherzustellen. Doch die Politik weigert sich vehement gegen deren Einführung. Zu spät, kann man sagen, denn es gibt sie längst, wenn auch nur in kleinem Umfang: Die Anleihen der EFSF. Diese haben alle wesentlichen Merkmale von Eurobonds, werden sie doch gemeinschaftlich von den Eurostaaten garantiert, sogar mit deutlicher Überdeckung um ein hohes Bonitätsrating zu sichern, auch wenn das AAA vor kurzem durch Standard and Poor's entzogen wurde. Doch für eine Beendung der Krise ist das Volumen dieser real existierenden Eurobonds bzw. EFSF-Anleihen natürlich noch viel zu gering. Der Widerstand gegen Eurobonds in großem Volumen scheint mir momentan so hoch zu sein, daß wir 2012 hochwahrscheinlich nicht mit ihnen zu rechnen haben, zu stark ist doch die Furcht vor der sogenannten "Vergemeinschaftung" der Schulden. Der Vorbehalt gegen Eurobonds scheint mir eher emotional denn ökonomisch motiviert, da die Einführung von Eurobonds zum Teil sogar mit erkennbar unsinnigen Totschlagargumenten bekämpft wird. So wird beispielsweise immer wieder behauptet, Eurobonds würden den negativen Anreiz für Schuldnerstaaten schaffen, sich auf Kosten der Gemeinschaft unnötig hoch zu verschulden. Das stimmt nur dann, wenn es neben den Eurobonds keine anderen Staatsanleihen mehr geben würde, man also alle alten Staatsanleihen eines Tages gegen Eurobonds umtauschen müsste. Doch die Mehrheit der Eurobonds-Befürworter strebt doch ein ganz anderes Szenario an, in welchem Eurobonds neben den alten Staatsanleihen existieren. Meist wird sogar eine Obergrenze gefordert: Jeder Staat darf dann nur Eurobonds im Volumen von z.B. 60 oder 80% des eigenen BIP emittieren. Die restlichen Schulden sollen per Emission von eigenen, gegenüber den Eurobonds nachrangig zu bedienenden, Staatsanleihen aufgenommen werden. Und dies bedeutet doch ganz eindeutig den klaren Anreiz für die hoch verschuldeten Länder, ihre Schulden so niedrig wie möglich zu halten. Bei dieser Ausgestaltung, entstünde also allerorten der Anreiz, mit möglichst weniger als 60 oder 80% Verschuldung auszukommen. Natürlich will ich nicht verschweigen, daß solche Eurobonds auch Risiken bergen, allerdings weniger für Europa, als vielmehr für die USA. Immerhin würden sie ein erhebliches Gegengewicht zu den US-Staatsanleihen bilden, was die Nachfrage nach diesen wiederum negativ beeinflussen sollte. Vor diesem Hintergrund sind vielleicht einige negativen Äußerungen von US-Ratingagenturen erklärbar, die für den Fall einer Eurobond-Einführung im großen Stil keine Bestbewertung, sprich AAA, für Eurobonds in Aussicht stellen.

    Warum nicht zwei Probleme gleichzeitig lösen?

    Euro-Rettungsschirme mit Banklizenz, Versicherungshebel, Eurobonds, synthetische Eurobonds, all diese Krisenlösungsansätze wurden heftig und ausführlich diskutiert. Leider gilt dies nicht für den folgenden Ansatz, dessen Grundidee auf den leider Ende 2010 verstorbenen italienischen Bankier und ehemaligen Finanzminister Tommaso Padoa-Schioppa zurückgehen soll und von George Soros weiterentwickelt wurde. Dieser hätte das Potenzial, zwei Krisen gleichzeitig zu bekämpfen, die Liquiditätskrise der Banken und die Liquiditätskrise der PIGS-Staaten. Im Prinzip sollen diese Staaten bei der Schuldenrefinanzierung und auch Neuverschuldung auf die Emission von Anleihen mit sehr kurzer Laufzeit zurückgreifen, welche jederzeit von den Geschäftsbanken an die EZB verkauft werden können. Dadurch erhielten diese Kurzläufer quasi die Qualität von Bargeld, was sie besonders attraktiv für die Banken machen sollte. Die momentan zu geringe Nachfrage nach Staatsanleihen könnte somit also wieder deutlich gesteigert werden und die Banken hätten leichten Zugang zu weiterer Liquidität. Allerdings hören deutsche Politiker und Bundesbanker diesen Vorschlag vermutlich nur ungern, impliziert er doch die Möglichkeit weiterer Staatsanleihe-Käufe durch die EZB.

    Die EZB als Käufer von Staatsanleihen

    Ob sie es will oder nicht: Die EZB ist lender of last resort, Kreditgeber letzter Instanz. Formal-juristisch darf sie angeblich keine Staatsanleihen klammer Schuldnerstaaten kaufen, dies besagt die viel zitierte "No-Bailout-Klausel". Der historische Hintergrund liegt in der deutschen Vergangenheit, nämlich der Hyperinflation der Weimarer Republik, begründet, als die damalige Notenbank bei extremer Rohstoff- und Güterverknappung zum praktisch alleinigen Staatsfinanzierer wurde. Dem juristischen No-Bailout-Gebot steht allerdings die wichtigste Aufgabe der EZB entgegen, und dies ist die Stabilisierung des Euro, und zwar nicht nur hinsichtlich der Teuerungsraten, sondern vor allem natürlich auch hinsichtlich seiner Existenz. Da die Existenzsicherung zweifellos ein höheres Gut als die Einhaltung des No-Bailout-Gebotes ist, kann und muß die EZB Anleihen der PIGS-Staaten kaufen, was ja auch schon lange geschieht. Allerdings ging die EZB dabei bislang sehr vorsichtig vor. Um eine Inflationierung der Basisgeldmenge zu umgehen, wurden die Käufe der PIGS-Anleihen meist komplett sterilisiert, indem man Offenmarktgeschäfte in Höhe des Volumens des jeweiligen PIGS-Bond-Kaufes reduziert hat, wodurch die Basisgeldmenge stabil gehalten wurde. Darüber hinaus beschränkte man sich weitestgehend auf Käufe bereits emittierter Anleihen auf dem Sekundärmarkt, kaufte also nicht direkt am Primärmarkt, sicher nicht zuletzt um jeden Anschein der direkten Staatsfinanzierung vorzubeugen.

    Das Inflationsgespenst geht um

    "Wann immer die Notenbank Geld druckt, führt dies unweigerlich zu einer hohen Verbraucherpreisinflation." Diesen Satz haben wir alle in den vergangenen Monaten oft gehört. Doch egal wie oft dieser Satz noch wiederholt werden wird, macht ihn das nicht wahrer. Er ist schlicht falsch. Nachweislich. Richtig ist: Eine Ausweitung der Geldmenge durch die Notenbank erhöht das Verbraucherpreisinflationspotenzial. Doch ob aus dem bloßen Potenzial auch eine echte Inflation der Verbraucherpreise wird, ist unmöglich vorherzusagen. Genauso unsinnig ist die weit verbreitete Vermutung vieler selbsternannter Finanzexperten, in den kommenden Monaten würde zwar keine Hyperinflation drohen, aber Teuerungsraten von vier bis fünf Prozent pro Jahr. Leider immer komplett ohne Begründung, warum man damit rechnen soll. Wir sollten sämtliche Inflationshysteriker ganz einfach ignorieren, vor allem dann, wenn sie völlig ohne Begründung argumentieren, oder wenn ihre Begründung keiner wissenschaftlichen Prüfung standhält, wie z.B. die zu Beginn dieses Absatzes genannte. Es ist zwar richtig, daß starke Geldmengenausweitungen auf Sicht einiger Jahre zu hohen Teuerungsraten führen können, aber ganz sicher nicht müssen, denn schon oft genug kam es in der Vergangenheit auch schon zu fallenden Teuerungsraten nach Geldmengenausweitungen. Momentan zumindest spricht so gut wie nichts für hohe Inflationsraten. Denn bei den Geldmengenausweitungen der jüngsten Vergangenheit handelte es sich fast ausschließlich um Ausweitungen der Basisgeldmenge (monetary base), und zwar vielmehr durch z.B. die Bank of England oder die Federal Reserve, als durch die EZB. Diese Ausweitung wurde aber, wegen der Bankenkrise, nicht an die sogenannte Realwirtschaft in Gestalt einer Ausweitung der Kreditmenge weitergegeben. So gesehen kann von einer gestiegenen Geldmenge aus Sicht von Produzenten oder Verbrauchern nicht die Rede sein. Ganz im Gegenteil stehen die Zeichen hier, und zwar mindestens so lange die Krise der Banken anhält, sogar viel eher auf Deflation. Neben einer Geldmengenerhöhung gibt es eine weitere wichtige Voraussetzung für steigende Teuerungsraten: Eine Erhöhung der Geschwindigkeit, mit welcher das Geld bewegt wird. Doch davon kann nun momentan wirklich nicht die Rede sein, vor allem vor dem Hintergrund einer relativ schwach erwarteten Konjunktur. Nein, eine schlimme Inflation ist nach heutiger Datenlage eher unwahrscheinlich. Wenn es in den kommenden Jahren überhaupt zu einer auffällig hohen Teuerung kommen sollte, dann vermutlich nicht wegen der Basisgeldmengenausweitungen der letzten Jahre. Ich sehe nur zwei mögliche Gründe bzw. Ursachen für eine bedrohlich hohe Verbraucherpreisinflation bzw. Geldentwertung. Ursache 1: Ein flächendeckender Verlust des Vertrauens in die Stabilität der Währung seitens der Bevölkerung. Ursache 2: Direkte, exponentiell wachsende direkte Staatsfinanzierung eines mittleren oder großen Landes ausschließlich durch die Notenbank. Zugegeben kann man von einem gewissen Schwund des Vertrauens in die Währungen Dollar und Euro heute schon sprechen. Doch ist dieser noch lange nicht groß genug, um gefährlich zu sein. Desweiteren ist festzustellen, daß mehrere Notenbanken dazu übergegangen sind, Staatsanleihen zu kaufen. Von einer direkten Staatenfinanzierung (also am Primärmarkt) ausschließlich durch eine Notenbank kann aber momentan ganz sicher noch nicht gesprochen werden. Natürlich kann man das Inflationspotenzial, welches die Notenbankaktionen der vergangenen Jahre mit sich gebracht haben, nicht völlig von der Hand weisen. Doch dies ist kein reines Euro-Problem, sondern vielmehr ein Problem des US-Dollar oder des britischen Pfund Sterling.

    Was im Jahr 2012 zu erwarten ist

    Zunächst die gute Nachricht: Auch im Dezember 2012 wird der Euro mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit noch existieren und seine Kaufkraft wird beinahe genauso stark sein, wie sie es heute ist. Wie sich die Euro-Wechselkurse im weiteren Jahresverlauf noch entwickeln werden, kann natürlich nicht mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit prognostiziert werden. Eine derartige Prognose würde auch den Rahmen dieses Textes sprengen. Nur soviel sei hierzu gesagt: Momentan, also nach mehr als zwei Jahren Euro-Krise, ist der Euro am Devisenmarkt noch immer leicht überbewertet, jedenfalls hinsichtlich dem Kriterium Kaufkraftparität. Im Vergleich zum US-Dollar wird diese bei etwa 1,20 Dollar pro Euro vermutet. Mit aktuell ca. 1,30 liegt der Kurs noch immer darüber. Entgegen unserer Wahrnehmung ist der Euro also nach wie vor sehr stark. Doch was wird aus Griechenland? Hier ist ein Schuldenschnitt wohl unvermeidlich. Vielleicht fällt der freiwillige Forderungsverzicht seitens der Banken sogar höher aus, als noch Ende letzten Jahres gedacht. Vielleicht werden aus den zunächst geplanten 50% in 2012 70 oder gar 80%. Doch selbst bei derart harten Einschnitten bliebe immer noch ein sehr hoher Schuldenberg übrig, da Nicht-Banken-Gläubiger von einem solchen Schuldenschnitt unberührt bleiben würden. Somit kann ein griechischer Staatsbankrott leider nicht völlig ausgeschlossen werden. Ob in einem solchen Fall Griechenland aus der Euro-Zone austreten, also zur Drachme zurückkehren würde, ist ebenfalls nicht vorhersehbar. Bei einem Verbleib in der Eurozone könnte man keine eigene Währung abwerten, bei einer Rückkehr zur Drachme nach einem Staatsbankrott droht jedoch die private Schuldenlast zu explodieren. Zum Glück ist Griechenland klein und darf daher auch 2012 auf die Unterstützung der anderen EU-Mitglieder hoffen, die vermutlich (fast) alles versuchen werden können, um einen griechischen Staatsbankrott abzuwenden. Die Politik im allgemeinen wird ihre Haltung 2012 vermutlich nicht oder nur marginal ändern. Die Rettungsschirme werden wohl nicht finanziell ausgeweitet, wenn doch, dann nur in geringem Maße. Allerdings werden die EFSF und der ständige Rettungsschirm ESM ab Sommer 2012 parallel laufen, was die Feuerkraft vorübergehend auf bis zu einer Billion Euro erhöhen wird. Es bestehen Zweifel, ob diese Summe ausreichend sein wird, um das Vertrauen der Bond-Investoren zurückzugewinnen. Vermutlich jedoch nicht. Daher wird die EZB auch 2012 weiterhin Staatsanleihen der PIGS am Sekundärmarkt aufkaufen müssen. Wegen der Übermacht der Falken, vor allem in der Bundesbank, wird allerdings wohl immer nur soviel gekauft, wie unbedingt nötig. Klare Signale der generellen Kaufbereitschaft durch die EZB, wie sie nur die Tauben-Fraktion liefern könnte, sind 2012 eher nicht zu erwarten. Ohne derartige Signale wird die Nachfrage nach PIGS-Anleihen höchstwahrscheinlich weiterhin zu gering bleiben. Doch ebenso hochwahrscheinlich können wir damit rechnen, daß die EZB, wenn auch unter mißmutigem Murren, auch 2012 immer als lender of last resort zur Verfügung stehen wird, sowohl für angeschlagene Banken, als auch für Staaten mit Liquiditätsengpässen. Und somit bleibt die Existenz des Euro gesichert.

    Nicht der Euro ist gefährdet, sondern die EU

    Nicht der Euro als Währung ist in Gefahr, sondern vielmehr die gesamte Idee der Europäischen Union. Und die Gefährder sind weder Schuldenmacher noch Banken. Als wahre Gefährder sind genau die Bürger der EU, die sich unsolidarisch gegenüber anderen EU-Mitgliedsstaaten zeigen, zu nennen. "Warum sollen wir deutschen Steuerzahler für die Griechen zahlen?" Immer mehr Bundesbürger stellen sich diese Frage. Und in felix Austria sieht es ganz ähnlich aus. Populistische Politiker sind lägst auf diesen Zug aufgesprungen und fordern sogar die Entlassung der als Schuldensünder gebrandmarkten Nationen, wie z.B. Griechenland, aus der Währungsunion. Sie wähnen sogar das europäische Recht hinter sich, denn die sogenannte "No-Bailout-Klausel" verbiete es ja eigentlich, anderen Staaten finanziell zu helfen. Unterstützt wird dieser Unsinn von hunderten, vorwiegend deutschsprachigen Ökonomen, die regelrechte Brandbriefe verbreiten, in welchen sie vor, Zitat, "falsch verstandener Solidarität" in Europa warnen. Wenn sich diese fatale, nationalstaatszentrierte Haltung noch weiter verbreiten sollte, besteht sogar die Gefahr einer Auflösung der ganzen EU. So weit sollten wir es nicht kommen lassen.