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  • Zu viel Angst um PIGS und Euro

    (Düsseldorf, 09.05.2010) Seit Monaten beherrscht ein Thema die europäische Börsenberichterstattung: Die Fiskalkrise der PIGS, also den Euro-Staaten Portugal, Irland, Italien, Griechenland und Spanien. Verständlich, immerhin steckt hier ein enormes Potenzial an Skandal und Quote. Und alle Finanzjournalisten, Börsenkommentatoren und Analysten, die in den vergangenen drei Jahren nicht laut genug vor den Gefahren der sogenannten Finanzkrise gewarnt hatten, erhalten nun eine zweite Chance, jede Gefahr, jedes Risiko, ganz egal wie wahrhaftig oder absurd, zu benennen. "Alarm!", brüllt unisono die Wirtschaftspresse. Und ihre Botschaft lautet: "Der Euro steht vor dem Aus! Griechenland ist Europas Lehman! Wir stehen vor einer neuen Finanzkrise!"

    Oft genug erzeugt dabei dieses Verhalten, unter dem Deckmantel der Aufklärung des Publikums, weniger Mehrerkenntnisse bei selbigem als vielmehr nackte Angst. Und Angst ist das allerletzte, was in dieser Situation hilft. Im Gegenteil! Angst, z.B. im Gewand der Furcht vor Zahlungsunfähigkeit eines Landes, erzeugt steigende Zinsen. Steigende Zinsen bei Staatsanleihen wiederum erhöhen die Wahrscheinlichkeit von Zahlungsausfällen, welche ihrerseits wieder zu steigenden Zinsen (weil z.B. Ratingagenturen die Bonität des Schuldnerstaates schlechter einstufen) und somit wieder zu einer Zunahme der Angst führen. Es ist ein wahrer Teufelskreis der Angst.

    Angst an sich ist noch nicht verwerflich. Als Vorsicht begegnet sie uns in ihrer moderaten und sinnvollen Form. Daß in Zeiten extremer Haushaltsdefizite, implodierenden Geldmengenwachstums in den Entwickelten Staaten, einem globalen Finanzsystem, dessen Motor immer noch leicht stottert, und der immerhin theoretischen Möglichkeit eines erneuten konjunkturellen Rückgangs genug Anlaß besteht, vorsichtig zu sein, versteht sich von selbst. Aber wir sollten alle aufpassen, daß aus der anfänglichen Vorsicht nicht letztendlch eine irrational übertriebene Angst oder gar Panik wird!

    Auf Gefahren und Risiken hinzuweisen ist richtig und sinnvoll. Allerdings wird das Publikum kaum über die realistischen Gefahren informiert. Diese sind den Medien offenbar zu harmlos, zu langweilig. Sie bergen weder Skandal noch Quote. Marktanteile gewinnt man nur, wenn man - möglichst auf der Titelseite - die denkbar unwahrscheinlichsten Gefahren zelebriert. So stirbt auf den Titelseiten, selbst von renommierten Zeitungen oder Magazinen, langsam unsere Währung, der Euro. Daneben löst der unermüdlich beschworene Bankrott Griechenlands eine Kettenreaktion aus, bei welcher andere Länder wie Portugal oder Spanien oder das Vereinigte Königreich oder gar Japan und die Vereinigten Staaten in den Staatsbankrottmalstrom geraten. Wir sollten beim täglichen Nachrichtenkonsum nicht darauf vergessen, daß dies Worst-Case-Szenarien mit extremst niedrigen Eintrittswahrscheinlichkeiten sind. Nach meiner festen Überzeugung kann es überhaupt nur dann zum Worst-Case kommen, wenn aus unser aller Vorsicht eine maßlos übertriebene Angst geworden ist. Und ich denke, ich bin nicht der einzige, der auf die spektakuläre Realisierung dieses Paradoxons verzichten kann.

    Doch welches sind die realistischen Gefahren der PIGS-Krise? Als ein Problem kristallisiert sich die Entwicklung auf den Sekundärmärkten für Staatsanleihen heraus. Durch die vor allem von den Medien stark verzerrte Wahrnehmung der Bonitäten der PIGS-Staaten neigen deren Zinsen in beinahe allen Fristigkeiten zum Anstieg, was logischerweise automatisch mit dem Marktwertverlust der betroffenen Staatsanleihen einhergeht. Theoretisch entsteht, besonders beim hypothetischen Zahlungsausfall, mal wieder Abschreibungsbedarf bei Banken und vor allem Versicherungen in mehrstelliger Milliardenhöhe. Automatisch werden wir von unserem Gehirn an die Finanzkrise erinnert, bei der z.B. durch den Marktwertverlust on CDOs Abschreibungsbedarf entstand, welcher die Finanzkrise auslöste. Es ist also nicht verwunderlich, daß sich nicht nur EU und IMF, sondern gerade auch die Banken und Versicherer ernsthaft darum zu bemühen scheinen, einen Bankrott eines Staates wie Griechenland zu verhindern. Faktisch (noch nicht bilanziell) jetzt schon vorhandenem Marktwertabschreibungsbedarf begegnet die EZB unter anderem, indem sie nun offenbar im Geschäftsverkehr mit den Banken auch Staatsanleihen Griechenlands als Sicherheit für Zentralbankgeld akzeptieren will. Wie hoch die faktischen und möglicherweise auch blianziellen Abschreibungen werden, hängt auch sehr stark davon ab, wie viel Angst im Markt ist. Je höher die Angst, desto höher die Zinsen bzw. niedriger die Kurse der Staatsanleihen. Mit zunehmender Irrationalität der Angst wird wohl auch die Zahl der Länder, die unter dem Verdacht von Zahlungsengpässen stehen, größer, also auch die Zahl an Staatsanleihen, deren Marktpreise sinken. Wie wenig rational die Situation bereits jetzt zu sein scheint, zeigt ja bereits das Mißtrauen gegenüber dem Land Spanien. Dessen Staatsverschuldung beträgt 2009 lächerliche 55 Prozent vom BIP (Deutschland ca. 75, Japan ca. 200 Prozent). Spanien hat weniger ein Staatsschulden- als vielmehr ein Privatschuldenproblem, welches auf die spanische Immobilienblase zurückzuführen ist. Einzig das spanische Haushaltsdefizit 2009 ist mit gut 11 Prozent sehr hoch, dieses ist aber ganz klar der Extremsituation Finanz- und Wirtschaftskrise geschuldet und hat eine vergleichbare Größenordnung wie z.B. in den USA oder Großbritannien.

    Und wie steht es um den Euro? Zum Zeitpunkt der Niederschrift dieses Artikels geht es ihm ausgezeichnet. Ein Euro hat bei den meisten Warenkörben etwa die Kaufkraft von 1,15 US-Dollar, ist aber noch beinahe 1,30 US-Dollar wert. Natürlich sinkt der Euro, wie ich es Anfang des Jahres auch schon in meinem Artikel "2010: Das Jahr der Staatsbankrotte" vermutet hatte. Und es ist sehr wahrscheinlich, daß der Euro in Dollar schon sehr bald deutlich unter seiner Kaufkraftparität notieren wird, vielleicht sogar bei dann nur noch 0,80 US-Dollar. Selbst ohne PIGS-Krise würde es irgendwann unausweichlich dazu kommen müssen. Es ist völlig normal, daß bei Devisenpaaren wie z.B. Euro und Dollar alle paar Jahre die Rollen vertauscht werden. Mal ist einige Jahre der Dollar über- und der Euro unterbewertet, nach ein paar Jahren ist es genau andersherum. Der sinkende Außenwert unseres Euro ist nicht das Ende der Welt: Zwar wird für uns Europäer Shopping im EU-Ausland teurer, doch dafür profitiert unsere Exportwirtschaft von einer besseren Nachfragesituation.

    Vor dem Aus sehe ich den Euro also wahrlich nicht. Aber ich sehe konstitutive Mängel. Vor allem die berüchtigten Maastricht-Kriterien sehe ich mehr als kritisch. Erstens waren sie von Anfang an kontraproduktiv und wurden in ihrer Höhe willkürlich aufgestellt. 60 Prozent vom BIP als Obergrenze für die offizielle Staatsverschuldung ist einfach nicht realistisch. Ich wage die Prognose, daß bereits in wenigen Jahren weltweit die allermeisten Staaten bei jeweils mehr als 100 Prozent angelangt sein werden. Und es wird normal sein. Und wir werden nicht mehr oder weniger zufrieden sein, als z.B. in den Jahren vor der Finanzkrise. Daß zudem die Nicht-Einhaltung der Maastricht-Grenzwerte dem Euro nicht automatisch schadet, haben die vergangenen Jahre deutlich gezeigt, denn es waren Jahre beinahe permanenter Maastricht-Verletzungen vieler EU-Staaten. Nicht Maastricht richtet über Devisenkurse, sondern Angebot und Nachfrage. Der Euro steht meiner Meinung ganz und gar nicht vor dem Aus. Nur wenn eine Regierung eines Euro-Staates aus dem Euro-System auszutreten ernsthaft planen würde, erst dann wäre die Existenz des Euro in Gefahr!