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    (Düsseldorf, 29.09.2008) Es ist der Alptraum vieler Bankenbosse: Mit einem leichten Fingerschnippen wurde vor wenigen Tagen ein erster großer Stein zu Fall gebracht. Dabei handelte es sich nicht um irgendeinen isolierten Stein, sondern um den ersten in einer Reihe von Dominosteinen. Bei genauerer Betrachtung fällt auf, daß der Stein beschriftet ist. In erhabenen, im Lauf der Jahre verblassten Lettern erkennen wir die Worte "Lehman Brothers". Durch das Kippen dieses Steins wurde ein weiterer Stein zu Fall gebracht, ebenfalls beschriftet: "Washington Mutual". Ein US-amerikanisches Phänomen? Keineswegs! Die beiden gefallenen Steine brachten weitere Steine ins Wanken, weltweit. Um in der Logik der bildhaften Veranschaulichung zu bleiben, handelt es sich beim dritten Stein um einen asiatischen. Dieser trägt die Bezeichnung "Bank of East Asia" und wurde durch den ersten Stein zwar zum Wanken, nicht aber zu Fall gebracht. Da ich selbst kein Bankvorstand bin, kann ich Ihnen nicht verraten, wie es im Traum weitergeht. In der Realität haben wir es momentan mit mehreren wankenden Steinen zu tun: Depfa, Hypo Real Estate, Wachovia, Fortis, Bradford & Bingley werden als Wackelkandidaten gehandelt. Doch was steckt hinter diesem Dominospiel? Welche Kräfte entscheiden darüber, welcher Stein als nächstes ins Wanken gerät, oder gar fällt? Um das grausame Spiel zu vestehen, sollten wir uns die ersten beiden gefallenen Steine genauer ansehen.

    Lehman Brothers steht am Rande des Bankrott: Seit wenigen Tagen befindet sich die Investmentbank im Gläbigerschutz-Modus, in den USA unter "Chapter 11" bekannt. Wäre Lehman ein isoliertes Unternehmen, gäbe es keine großen Probleme (außer für Aktionäre und Gläbiger, die nachrangig bedient werden). Doch als Bank war und ist Lehman alles andere als isoliert, denn Banken leihen sich gegenseitig auf den globalen Geldmärkten sehr viel Geld. Viele Banken rund um den Globus liehen Lehman Geld, doch Lehman ist jetzt nicht mehr in der Lage, das Geld zurückzubezahlen, zumindest nicht in voller Höhe. Allerdings gibt es auch in dieser Krise so etwas wie Glück im Unglück: Gerade wegen der Finanzkrise leihen sich die Banken gegenseitig seit Monaten sehr viel weniger Geld als sonst, weil sie sich gegenseitig nicht mehr vertrauen. Eben dieser Vertrauensverlust ist ja das Wesen der aktuellen Finanzkrise. Die Beträge, die andere Banken nun abschreiben müssen, weil Lehman quasi ausgefallen ist, sind zwar oft sehr hoch, halten sich aber, so verrückt es sich vielleicht anhört, gerade wegen der Finanzkrise dennoch, zumindest für die meisten Banken, in einigermaßen erträglichen Grenzen. Wenn dem also so ist, was brachte dann den zweiten Stein (Washington Mutual) zu Fall? Kurz gesagt war das Ende von Washinton Mutual besiegelt, als der Mangel an Vertrauen, der in der Welt der Banken vorherrscht, auch noch in die Welt der ganz normalen Bürger gekommen ist: Die Einleger der Washinton Mutual, mehrheitlich Sparer und Häuslebauer aus der unteren bis mittleren Mittelschicht, verloren in dem Moment das Vertrauen in ihre Bank, als ihnen durch den Fall "Lehman Brothers" vor Augen geführt wurde, daß auch große Banken pleite gehen können, und zogen in wenigen Tagen mehr als 17 Mrd. Dollar ihrer Einlagen ab, bei einem Gesamt-Einlagevolumen von rund 200 Mrd. Dollar. Wann immer Einleger einer Bank panikartig ihe Einlagen in größem Umfang abziehen, spricht man von einem Run. Eine durchaus treffende Bezeichnung, denn es gibt keinen anderen Weg, eine Bank schneller "kaputtzumachen", als den Run. Auch bei der Bank of East Asia kam es in der letzten Woche zu einem kleinen Run, welcher zum Glück durch wirksame Kommunikationsmaßnahmen, welche das abhanden gekommene Vertrauen der Einleger wiederherstellen konnte, gestoppt werden konnte.

    Der Schlüssel zur Überwindung der Finanzkrise liegt ganz offensichtlich in der Wiederherstellung des Vertrauens, und zwar sowohl bei den Banken untereinander, als auch bei den Einlegern. Dazu muß man wissen, warum das Vertrauen überhaupt abhanden gekommen ist. Als unbestrittene Hauptursache gilt wohl die Subprime-Krise, ihrerseits ausgelöst durch das Ende des Immobilienbooms in den USA. Hypotheken guter und bester Bonität wurden mit Hypotheken schlechtester Bonität (dem Subprime-Segment) gebündelt und als CDO (Credit Debt Obligation) oder RMBS (Residentual Mortgage Backed Securities) weiterverkauft. Es war ein Billionen-Dollar-Geschäft, das viele Jahre gut funktionierte und den Banken fantastische Gewinne ermöglichte. Bis zum Jahr 2007: Durch den Ausfall vieler Subprime-Hypotheken, verloren CDOs und RMBs rapide an Wert und werden seit Monaten praktisch gar nicht mehr gehandelt. Die Banken korrigierten die Bewertungen dieser Verlust-Papiere, indem sie Abschreibungen in Milliardenhöhe vornahmen. So wurden aus den ehemaligen Rekordgewinnen plötzlich Rekordverluste, mit verheerenden Folgen: Ihre Kreditwürdigkeit nahm aus Sicht der anderen Banken, die ihnen sonst zur Refinanzierung enorme Geldbeträge liehen, enorm ab. Das gegenseitige Vertrauen, in die Fähigkeit, gewährte Darlehen pünktlich zu tilgen, verschwand. Doch Banken brauchen Geld, und zwar jederzeit: Als Bankkunde will ich schließlich jederzeit Geld von meinem Konto abheben können! Eine Bank, die besonders stark in CDOs und RMBs investiert hatte, hat also mindestens zwei Probleme: Erstens leihen ihr andere Banken kaum noch Geld, da sie Angst haben, es nicht wiederzubekommen. Zweitens können weder RMBs noch CDOs kurzfristig zu Geld gemacht, also verkauft werden, da es keinen Käufer gibt.

    Und hier kommt der Staat ins Spiel: Der 700-Milliarden-Dollar-Rettungsplan der US-Regierung sieht vor, die illiquide gewordenen Papiere zu kaufen, offenbar im Auktionsprinzip: Der niedrigste Preis bekommt den Zuschlag. Die Banken können also die beiden eben genannten Probleme mit einem Schlag verringern: Durch den Verkauf der "faulen Kredite", wie CDOs und RMBs gerne auch genannt werden, verbessern sie erstens ihre Kreditwürdigkeit und erhalten somit wieder etwas mehr Vertrauen von den anderen Banken und erhalten zweitens kurzfristig Geld, wenn auch leider nicht sehr viel, wie gesagt: Der niedrigste Preis kriegt den Zuschlag. Natürlich realisiert eine Bank, wenn sie verkauft, riesige Verluste. Diese sind aber vermutlich größtenteils bereits abgeschrieben. Wenn alles gut läft, sollte der Staat nicht lange der einzige Käufer der "faulen Kredite" bleiben. Unter günstigen Gegebenheiten ist es denkbar, daß die Käufe seitens des Staates eine Welle von Folgekäufen auslösen und die Marktpreise der noch verschmähten CDOs und RMBs irgendwann auch wieder deutlich steigen. Theoretisch ist es sogar möglich, daß - in ein paar Jahren - der Staat den Teil der Papiere, der dann nicht wertlos verfallen ist, mit hohen Gewinnen wieder verkaufen kann, was einen beachtlichen Beitrag zur Sanierung des US-Staatshaushalts darstellen würde. Übrigens stehe ich mit dieser Meinung nicht alleine da: Hilmar Kopper, der langjährige Vorstand der Deutschen Bank, rechnet sogar mit Gewinnen für den Staat. Angeblich soll Professor Bofinger, Mitglied des Rates zur Begutachtung der Deutschen Wirtschaftsleistung ("Rat der fünf wirtschaftsweisen"), der Deutschen Regierung den Vorschlag gemacht haben, genau wie die US-Amerikaner mit Steuergeldern die illiquiden Papiere, welche von Deutschen Banken gehalten werden, zu kaufen, und dann mit Gewinn wieder zu verkaufen.

    Der Rettungsplan der US-Regierung hat in meinen Augen also gute Chancen, das Vertrauen der Banken untereinander wiederherzustellen, und dies sollte die Grundlage dafür sein, auch das Vertauen der Einleger in ihre Bank wiederherzustellen. Leider wird das Vertrauen nicht über Nacht zurückkommen, sondern in einem langsamen Prozeß, der vermutlich nicht reibungslos verlaufen wird und in dessen Verlauf noch der ein oder andere Dominostein fallen könnte. Aber es wird funktionieren, ich zumindest bin fest davon überzeugt.