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  • Drohende Immobilien- und Finanzkrise in China?

    "Die Chinesische Führung hatte und hat seit April [des] Jahres [2010] bereits genug Grund, um vor der eigenen Haustüre zu kehren. Chinas eigene Gemeindeverwaltungen sind wesentlich weniger kreditwürdig [...], dass wird selbst von der staatlich gelenkten chinesischen Bankenaufsicht eingestanden. Im Bereich der Local Government Financing Vehicles (LGFV) erkennt die chinesische Aufsicht selbst potenziell ca. 1,5 Bio. Yuan Renminbi (etwa 220 Milliarden US-Dollar) an 'faulen Krediten'." (Handelsblatt-Leser-Kommentar von Alexander Peball, boersenreflex.de vom 10.11.2010, 17:25 Uhr, nachzulesen auf www.handelsblatt.com)

    Ähnlich äußerte ich mich am 5. November letzten Jahres in einem Interview mit der "Deutschen Welle" (www.dw-world.de) oder auch schon zwei Monate zuvor im dritten Absatz des Artikels "Der stille M3-Crash - Ende in Sicht?" (Link zum Artikel). Meine, von heute aus gesehen rund ein Jahr alte Einschätzung, paßte damals nicht ins Bild, welches sich die Finanzmarktteilnehmer von China machten: Chinas BIP-Wachstum war auch in den Krisenjahren 2008/09 überzeugend hoch geblieben, dazu kam noch, daß sich die Finanzkrise auf USA und Europa konzentrierte. China selbst galt als letzter großer krisenfreier Wachstumsmotor der Weltwirtschaft. Krisen in China schienen undenkbar. Heute, ein Jahr später, scheint kaum noch jemand an der Möglichkeit einer Krise in China zu zweifeln.

    Daß China vielleicht am Anfang einer Immoblienkrise steht, ist selbst für Laien erkennbar. Während der Olympiade 2008 in Peking konnte uns allen auffallen, wie sehr China mit Prachtbauten, Wolkenkratzern und moderner Infrastruktur glänzte. Und wer in den letzten Jahren einen Spaziergang auf dem Bund, Shanghais berühmtester Promenade, machte, war sicher beeindruckt vom Bauboom und der Skyline, die inzwischen selbst Manhattan oder Chicago in den Schatten zu stellen scheint. Natürlich besteht bei derartigem Gigantismus immer die höchste Gefahr der Überhitzung, wie es zum Beispiel Dubai Ende 2009 erfahren musste. Dort waren die Immobilienpreise einfach zu lange zu schnell gewachsen und der Zusammenbruch ging mit massiven Finanzproblemen einher. Warum sollte es den Chinesen sehr viel anders gehen? Doch einen Vorteil gegenüber Dubai hat China immerhin: Die Nachfrage nach Wohnraum ist angesichts der hohen Bevölkerungsanzahl langfristig sicher sehr hoch.

    Seit August vermelden einige chinesische Millionenstädte einen ersten Rückgang der Preise für Wohnungen. Sollte daraus ein allgemeiner Rückgang der Immoblienpreise entstehen, droht Gefahr für alle Kreditgeschäfte, die mit Immoblien besichert sind. Und das sind nicht wenige! Um das Wirtschaftswachstum auch in den Krisenjahren 2008/09 hoch zu halten, am besten über acht Prozent, setzte China ganz offensichtlich vor allem auf den Ausbau der Infrastruktur. Der wegen der Olympiade in Peking notwendige Infrastrukturausbau Pekings schien sich aufs ganze Land auszuweiten. Finanziert wurde dies über Local Government Financing Vehicles (LGFV), deren collateral (Sicherheit) hauptsächlich immobil war. Um einen Kredit zu vergeben, wurde z.B. Land als Sicherheit hinterlegt. Je mehr das Land wert war, desto höher der Kredit. Das klingt plausibel und vernünftig, führt jedoch zum dramatisch negativen Anreiz, einfach den Wert des Landes immer höher anzusetzen, egal ob berechtigt oder nicht. Am Ende ist das Land hoffnungslos überbewertet. Sinkt dann der Wert des Landes nur ein wenig, klappt die Anschlußfinanzierung nicht mehr, es kommt zum Zahlungsengpaß oder gar -ausfall und die Banken bleiben auf ihren faulen Krediten sitzen.

    Die LGFV-Finanzierung mag ein Spezialfall sein, doch einer mit einem Volumen von umgerechnet ein paar hundert Milliarden Euro. Dazu kommen möglicherweise noch mehr "faule Kredite", zum Teil aus der normalen Bankenkreditvergabe, zum Teil aber auch aus anderer Quelle. So vermutet die Online-Ausgabe der "Welt", daß Schattenbanken Kredite in Höhe von insgesamt bis zu vier Billion Yuan Renminbi vergeben haben, zu Wucherzinsen (www.welt.de, "China taumelt dem großen Finanz-Crash entgegen", 14.10.2011). Diese Zahl ist meines Erachtens mit Vorsicht zu genießen, denn verständlicherweise gibt es zu Schattenbanken, die "Welt" spricht gar von Untergrundbanken, kaum offizielle Statistiken.

    Die chinesischen Behörden haben das Problem seit mehreren Monaten erkannt und auch dazu Stellung genommen. Man werde dem Problem aktiv entgegensteuern, was ja auch schon längst geschieht: So steigen seit Monaten nicht nur die Leitzinsen der Peoples Bank of China, sondern natürlich vor allem der Mindestreservesatz, der inzwischen bei 21 Prozent liegt. Auch deutete man an, die Kreditvermehrung durch die Gemeindeverwaltungen (Local Governments) einschränken zu wollen. Es ist allerdings schwer, hierzu belastbare offizielle Daten zu erhalten. Glaubt man Experten wie z.B. Jim Chanos, dann verschulden sich die Local Governments noch immer stark. Zu stark, nach seinem Geschmack.

    Zum Abschluß sei nochmals betont, daß das Reich der Mitte möglicherweise, also nicht zwangsläufig, vor einer Krise steht. Ob eine solche dann zu einer harten oder weichen Landung der chinesischen Volkswirtschaft führt, ist eine andere Frage.