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  • Finanzkrise - Anlagechance?

    (Düsseldorf, 21.05.2008) Mitte 2007 notieren weltweit bedeutende Aktienindizes wie S&P 500, FTSE-100, oder DAX nahe an langjährigen Höchstständen oder gar Allzeithochs, ebenso viele andere Assetklassen wie Immobilien mancher Länder und Regionen, Rohstoffe wie Metalle, Öl und Zement. Die Ursachen sind schnell gefunden: In den Jahren zuvor expandierten die Notenbanken, allen voran die amerikanische Federal Reserve und die Europäische Zentralbank massiv die globale Geldmenge, scheinbar ewig niedrige Zinsen in Japan und der Schweiz taten ihr Übriges dazu. Durch den hohen Ölpreis flossen tagtäglich zusätzliche Milliardenbeträge an sogenannten Petrodollars aus den ölfördernden Staaten an die Börse und die Weltwirtschaft zeigte Dank des Aufschwungs in Staaten wie China, Rußland oder Indien erstaunlich hohe jährliche Wachstumsraten. Auch die konsumabhängige US-Konjunktur brummte, nicht zuletzt weil viele Amerikaner ihren Lebensstandard durch die Beleihung ihrer Immobilien über Hypothekenkredite finanzierten. Warnende Stimmen, daß dies kein dauerhaft gesunder Zustand sein könne, gab es schon Monate, sogar Jahre vor dem Frühsommer 2007, wurden aber ignoriert und mit der verzweifelten Hoffnung darauf, daß die Immobilienpreise schon nicht sinken würden, beiseite argumentiert, sogar noch Anfang 2007, als große US-Hypothekenfinanzierer von steigenden Zahlungs- und Tilgungsausfällen bei Hypotheken an Kreditnehmer mit sehr schlechter Bonität (dem sogenannten Subprime-Segment) berichten mußten.

    Erst als zu Beginn des Sommers die Investmentbank Bear Stearns zwei millardenschweren Hedgefonds, welche sich offenbar mit derivativen Finanzprodukten im Subprime-Bereich verspekuliert hatten, mit viel Geld den Fortbestand sichern wollte, erreichte die sich nun schon deutlich abzeichnende Finanzkrise den Wahrnehmungsbereich der Allgemeinheit, vor allem, weil sich nun auch die internationale Presse dem Thema widmete. Kein Tag verging, an dem nicht über die Subprimekrise im Wirtschaftsteil der Zeitung oder manchmal sogar im Leitartikel berichtet wurde. Ein Zustand der bis dato anhält.

    Binnen kurzer Zeit entwickelte sich die Subprimekrise zu einer ernsten Bankenkrise, der Mechanismus dürfte den meisten Lesern inzwischen vertraut sein: Hypothekendarlehen wurden gebündelt und als MBS (Mortage Backed Securities) oder CDOs (Collateralized Debt Obligations) in alle Welt, offensichtlich gerne auch nach Deutschland und in die Schweiz weiterveräußert und dann meist über Commercial Papers (kurzfristigen Schuldverschreibungen) refinanziert. Dies funktionierte Jahrelang wunderbar und bescherte den Banken und Hedgefonds traumhafte Gewinne, solange die Immobilienpreise stiegen, meist mit zweistelligen prozentualen Jahreszuwachsraten! Ein Zustand, der natürlich auf Dauer nicht durchzuhalten ist. Schon ein Stagnieren der Immobilienpreise und geringfügig höhere Hypothekenzinsen beendeten dieses Schlaraffenlandgeschäft beinahe über Nacht. Als nun plötzlich fast kein Handel mehr mit MBS und CDOs stattfand, weil keine Bank oder kein Hedgefonds bereit war, zu den bereits stark gefallenen Kursen zu verkaufen, passierte das, was immer passiert, wenn die Nachfrage schockartig zusammenbricht: Die Preise stürzen ins Bodenlose. Nun klappte auch die Refinanzierung mit den Commercial Papers nicht mehr, da auch hier der Handel nahezu zu Erliegen kam, so daß sich die Notenbanken gezwungen sahen, mittels Schnelltender Milliarden in den Bankenmarkt zu werfen. (Wie dramatisch die Situation bei den Banken war und noch ist, machte mir kürzlich ein Banker klar: Nach seiner Aussage waren zeitweise selbst die sicheren deutschen Pfandbriefe nicht handelbar.) Ohne ausreichende Refinanzierung waren die Banken nun gezwungen, die Verluste, die durch den Kursrückgang bei MBS und CDOs entstanden waren, in ihre Bilanzen zu nehmen, sprich: Abschreibungen in Milliardenhöhe vorzunehmen.

    Inzwischen sind einige kleine Banken von der Bildfläche verschwunden, bei den großen Banken markierte die Beinahe-Insolvenz von Bear Stearns Mitte März bislang den traurigen Höhepunkt der Krise. Wie so oft, reagiert die Börse im schlimmsten Moment einer Krise mit einem Boersenreflex: Scheinbar unerklärlich beginnen die Kurse zu steigen, in diesem speziellen Fall natürlich die Kurse der Finanz- und Bankaktien. So legte der Kurs der im DAX notierten Hypo Real Estate um 100 Prozent zu. Begründung: J.C. Flowers sah in der Krise eine Chance, die Hypo Real Estate zu einem sehr niedrigen Preis zu erwerben. Und dies ist kein Einzelfall. Staatsfonds aus Singapur und Dubai beteiligten sich an den stark angeschlagenen Banken UBS und Citigroup, erste Hedgefonds beginnen, den Banken ihre stark an Wert gefallenen Kreditpositionen abzukaufen und Warren Buffett nutzte die Krise nicht nur zu Investments im Finanzbereich, beispielsweise erwarb er drei Prozent der Suisse Re, sondern gründete ein eigenes Kreditversicherungsunternehmen, welches den angeschlagenen Monolinern Ambac und MBIA Konkurrenz machen könnte.

    Es scheint also immerhin ein paar Experten zu geben, die bereits wieder Licht am Ende des Subprimskrisen-Tunnels sehen. Zu diesen zählt auch George Soros, der brühmte ehemalige Quantum-Hedgefondsmanager, allerdings wie gesagt, nur in Bezug auf die Subprimekrise. Laut Medienberichten äußerte er Mitte Mai die Vermutung, die Subprimekrise wäre möglicherweise ihrem Ende näher als dem Anfang, die Krise der Realwitschaft stünde aber noch bevor, da sich Einschränkungen bei der Kreditvergabe, die inzwischen verteuerte Unternehmensfinanzierung und die Wertminderung der Immobilien für den US-Konsumenten erst mit einer gewissen Zeitverzögerung auswirken. Zudem bleibt die Gesamtwirtschaftliche Lage aufgrund der Inflation, die der enorm aufgeblähten Geldmenge folgen sollte, kritisch.

    Doch welche Chancen und Risiken ergeben sich nun aus der aktuellen Finanzkrise für uns Aktionäre? Wann immer in den letzten Monaten Hedgefonds von ihren ihnen Kredit gebenden Banken gezwungen wurden, ganze Portefeuilles an Aktien zu verkaufen, ergaben sich bei vielen Aktien kerngesunder und gut aufgesteller Unternehmen Kaufchancen (eine Salzgitter stürzte beispielsweise von über 150 auf unter 90 Euro ab). Ob sich solche Gelegenheiten nochmal ergeben, kann niemand mit Sicherheit sagen, aber falls ja, sollten diese unbedingt genutzt werden. Was Finanzaktien angeht, bleibt das Risiko vor allem im Bankbereich hoch. Zwar scheint die Subprimekrise in den Kursen bereits eingepreist zu sein, doch ein zumindest theoretisch möglicher Ausfall der US-amerikanischen Monoliner (Anleihenversicherer) Ambac oder MBIA würde gerade für Banken zusätzlichen Abschreibungsbedarf in Milliardenhöhe bedeuten. Desweiteren ist unbedingt damit zu rechnen, daß den bisherigen Abschreibungen weitere Abschreibungen ähnlichen Ausmaßes folgen. Am problematischten ist wohl die Angebot-Nachfrage-Situation bei den Bank-Aktien: Fast alle von der Krise betroffenen Banken holen sich mit Kapitalerhöhungen frisches Geld von der Börse und erhöhen auf diese Weise die Anzahl an Bankaktien. Außerdem muß noch erwähnt werden, daß die Zeiten der Rekordgewinne wohl für lange Zeit vorbei sind: Durch die Finanzkrise ist eines der ertragsreichsten Geschäftsmodelle weggefallen und im vielleicht bevorstehenden Kampf gegen die Inflation seitens der Notenbanken werden die Leitzinsen bald wieder steigen. Wer diese Risiken nicht scheut, kann im Bankenbereich mittelfristig gute Kaufgelegenheiten finden. Ob die Bankaktien ihren Tiefpunkt vom März in naher Zukunft nochmal unterbieten, ist nicht vorhersagbar, aber durchaus wahrscheinlich. Somit lohnt vielleicht ein Blick auf andere Aktien aus dem Finanzbereich mehr: den Aktien von Versicherungs- sowie Rückversicherungsunternehmen, welche im Verlauf der Finanzkrise auch relativ deutliche Kursverluste hinzunehmen hatten und dadurch nun fundamental sehr niedrig bewertet, und somit günstig zu haben sind. Ein Bereich, den ich bis jetzt im Artikel vernachlässigt habe, ist die Immobilien- und Baubranche. Die Aktien im S&P Homebuilding Index sind aufgrund der großen Beachtung der Finanz- und Immobilienkrise zum Teil um 80 Prozent und mehr gefallen, was in vielen Fällen übertrieben sein sollte, gerade wenn man an Aktien denkt, die derzeit unter ihrem Buchwert notieren. Natürlich sind momentan aus den fabelhaften Gewinne der letzten Jahre nun sehr viel bescheidenere Gewinne, sogar Verluste geworden, und dieser Zustand könnte durchaus mehrere Jahre andauern, aber auf lange Sicht werden die Amerikaner nicht damit aufhören, in Häusern zu wohnen und in Büros zu arbeiten.