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  • QE2 - US-Notenbank dreht den Geldhahn wieder auf

    Preisinflation und Teuerung sind zwar unangenehm und ärgerlich, aber sie sind auch ein Symptom für wirtschaftliche Stärke und Wachstum. Deflation schont zwar den Geldbeutel, ist aber immer auch ein Symptom für wirtschaftliche Schwäche oder gar das Ende jeder hohen Wachstumserwartung. Wer hier das Privileg der Wahlfreiheit hat, sollte sich immer für die Inflation entscheiden wollen.

    (Düsseldorf, 07.11.2010)QE2. Das steht für Quantitative Easing, Teil 2, also den zweiten groß angelegten Versuch einer Geldmengenpolitik der quantitativen Lockerung in den USA. Die US-Notenbank Federal Reserve erlaubt sich hierfür selbst, in den kommenden Monaten Staatsanleihen im Umfang von rund einer halben Billion US-Dollar zu kaufen, mit frisch gedruckten Geld, dem kein Gold, sondern etwas sogar noch wertvolleres zugrunde liegt: Vertrauen. Aber das nur nebenbei.

    Über die wahren Motive der Notenbanker um Ben Bernanke für QE2 wurde in den letzten Tagen viel spekuliert. Manche sehen darin den aussichtsreichen Versuch, das niedrige Zinsniveau für die Zukunft zu zementieren, andere meinen hingegen, das wahre Motiv wäre der Versuch, über QE2 den Außenwert des Greenback zu schwächen, um im globalen Abwertungswettkampf der Devisen bestehen zu können. Vermutlich ist beides richtig. Aber ich persönlich denke, daß der Notenbankchef Ben S. Bernanke sein wahres Motiv tatsächlich wahrheitsgemäß benannt hat, und das in einer Zeit, in welcher jeder in einer herausragenden Machtposition seine wahren Absichten bestmöglich zu verbergen versucht. Wahrscheinlich glaubt ihm deswegen kaum jemand, daß eines der Hauptmotive für QE2 tatsächlich die Beseitigung der Deflationsgefahr ist.

    Viele Beobachter und Experten halten die Deflationsgefahr für gering oder wenig beachtenswert. Manche sehen sogar viel eher Inflationsgefahr durch die Geldmengensteigerungen der letzten Jahre, darunter auch QE1. Diese Leute glauben noch immer an die vielen Halbwahrheiten aus dem "ökonomischen Lehrbuch", ohne diese auf ihren tatsächlichen Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen. Und eine solche Halbwahrheit besagt, daß eine steigende Geldmenge ceteris paribus, vielleicht mit ein wenig Zeitverzug, automatisch zu einer Inflationierung der Verbraucherpreise führt. Vor acht Jahrzehnten war das richtig. Jede Geldmengenausweitung (Inflation) führte automatisch, meist mit geringstem Zeitverzug, zu steigenden Verbraucherpreisen. Doch spätestens seit Beginn des zweiten Weltkrieges gilt dieser Automatismus nicht mehr. (Downloaden Sie ganz einfach die Geldmengendaten der Notenbanken und die Teuerungsraten und vergleichen Sie selbst, wenn sie mir nicht glauben. Dauert 5 Minuten und ist völlig kostenlos.)

    Eine steigende Geldmenge allein ist keine ausreichende Voraussetzung für steigende Verbraucherpreise, welche der Volksmund ja etwas unscharf "Inflation" nennt. Nein, die Teuerungsrate der Verbraucherpreise steigt erst dann, wenn das zusätzliche Geld auch bewegt wird, wenn es also benutzt wird um zu investieren, konsumieren, Rechnungen zu bezahlen, Überweisungen zu tätigen, etc. Im Tresor wirkt Geld nicht verbraucherpreisinflationierend! Selbst hunderte Trilliarden Dollar könnten im Tresor liegend keine Verbraucherpreisinflation auslösen. Im Gegenteil! Geld im Tresor ist ja genau die praxisnahe Definition für die Verbraucherpreisdeflation.

    Die Deflationsgefahr der USA, welche laut Bernanke nun mit dem Instrument QE2 bekämpft wird, rührt von der seit dem psychologischen Lehman-Schock im Herbst 2008 extrem niedrigen Geldumlaufgeschwindigkeit. Bei Banken gilt dies für die Sekundärmärkte für gewisse Asset Backed Securitues, teilweise sogar immer noch für den Pfandbriefmarkt. In der Realwirtschaft gilt dies für all jene privaten Konsumenten, die ihren Konsum in der Vergangenheit über revolvierende Kredite und Immobiliendarlehen finanziert haben. Da diese beiden Geldquellen nun deutlich weniger sprudeln, wird weniger konsumiert. Auf lange Sicht. Weniger Konsum bedeutet: Weniger Barzahlungen, Kreditkartenzahlungen oder Geldüberweisungen, bzw. Money Orders, immerhin reden wir von den USA. Und dies bedeutet nichts anderes als eine niedrige Geldumlaufgeschwindigkeit [gemeint ist hier ürigens immer nur die tatsächliche und nicht die indirekt ermittelte fishersche Umlaufgeschwindigkeit! Anmerkung des Editors]. Je niedriger diese, desto größer die Deflationsgefahr.

    Sollte sich die Umlaufgeschwindigkeit der Geldmenge irgendwann in den kommenden Jahren wieder normalisieren, könnte es in den USA, nun allerings doch aufgrund der gestiegenen Geldmenge, zu einer starken Inflation der Verbraucherpreise kommen. Könnte! Nicht muß! Wir wissen es einfach nicht. Mr. Bernanke selbst gibt zu, es nicht zu wissen. Niemand kann es wissen. Es ist, Zitat Bernanke, "ein Experiment".

    Aktuell spricht nach meiner Auffassung wenig für eine starke Verbraucherpreisinflation in den USA, aus eben genannten Gründen. Es gibt aber noch mehr Gründe: Das zusätzliche frische Geld, welches im Zuge des QE2-Vorhabens geschaffen wird, fließt ja vermutlich gar nicht in den Konsumkreislauf, sondern, bleibt, wie QE1, fast vollständig im Finanzsystem hängen. In Europa sind die Probleme ähnlich gelagert, wie in den USA. Auch die Europäische Zentralbank EZB kauft Staatsanleihen und riskante Wertpapiere. Allerdings in maßvollerem Umfang. Der Europäische Pfandbriefmarkt leidet noch immer, siehe HRE bzw. DePfa, der privatkonsumliche Geldumlauf in Ländern wie Spanien ebenso, hier war die statistisch gemessene Deflation in der Krise (Teuerungsrate unter 1%) sogar noch schlimmer als in den USA. Also spricht auch in Europa momentan wenig für eine Preisinflation. Inflationsgefahr sehe ich nur in Ländern, ich welchen nicht nur die Geldmenge stark wächst, sondern auch das BIP. Paradebeispiele hierfür sind China und Indien.