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  • Interbankenmarkt-Krise (Krisen-Special 1)

    (Düsseldorf, 27.09.2011) Mitte September 2011 ist vor allem ein Finanzkrisenherd besonders akut: Die Krise am Interbankenmarkt, besser bekannt unter der Bezeichnung Vertrauenskrise der Banken. Bereits 2007/2008 erschütterte diese Art der Finanzkrise die Welt, ausgelöst von der Subprimekrise, verschlimmert durch die Pleiten von Bear Stearns und Lehman Brothers. Etwa ab Anfang 2009 zeichnete sich hier eine Verbesserung ab und es kehrte zwischenzeitlich beinahe wieder Normalität ein, was u.a. am sich deutlich verringerten TED-spread oder auch der schrumpfenden Zahl der monatlichen Bankpleiten indirekt abzulesen war. Die Debatte um die Anhebung der Schuldenobergrenze in den USA, der teilweise AAA-Verlust der US-Staatsanleihen und gleichzeitig die Wiederbelebung der Angst vor einem noch drastischeren Abschreibungsbedarf der Banken hinsichtlich ihrer Griechenland-Anleihen führten im Spätsommer 2011 zu einer erneuten Verschlimmerung am Interbankenmarkt.

    Der Interbankenmarkt ist überlebenswichtig für die Banken. Hier refinanzieren sie den Großteil ihrer Aktivitäten. Im klassischen Bild betreiben Banken Fristentransformation, d.h. sie profitieren vom Zinsunterschied zwischen langen und kurzen Laufzeiten. Man leiht kurzfristig Geld zu niedrigen Zinsen und verleiht es zu hohen Zinsen auf viele Jahre. Stellen Sie sich eine Bank vor, die einem Unternehmer 100 Mio. Euro leiht, die dieser erst in zehn Jahren zurückzahlen muß. Um dem Unternehmner die 100 Mio. Euro auszahlen zu können, leiht sich die Bank bei zehn anderen Banken jeweils zehn Mio. Euro für jeweils drei Monate. Sind die drei Monate verstrichen, muß die Bank abermals insgesamt 100 Mio. Euro ausleihen um solvent zu bleiben. Dies geschieht zum großen Teil am Interbankenmarkt. Hier leihen sich Banken kurzfristig Geld von anderen Banken. Das funktionierte Jahrzehntelang beinahe reibungslos, da die Banken sich gegenseitig meist absolut vertrauen konnten, d.h. man war sich fast immer sicher, das ausgeliehene Geld auch wieder zurückzubekommen. 2007/2008 änderte sich das, aus Vertrauen wurde Mißtrauen.

    Da sich fast alle der rund 9000 Banken der Erde gegenseitig auf diese Art und Weise Geld leihen, sprechen wir von einem System. Fällt ein großer Spieler in diesem System aus, also eine große Bank, dann kann das ganze System zusammenbrechen. Deshalb haben die Worte "too big to fail" und "systemrelevante Bank" bzw. "systemisches Risiko" durchaus ihre Berechtigung.

    Wenn Banken sich nicht mehr am Interbankenmarkt refinanzieren können, droht Insolvenz. Allerdings können sie sich in solchen Fällen an die Zentralbank wenden, welche dann eigentlich ihrer Rolle als "lender of last resort" nachkommen sollte, also als "letzter Geldgeber" die fehlenden Mittel bereitstzustellen hat. Mitte September 2011 sahen sich die Zentralbanken, u.a. die Federal Reserve und die EZB gezwungen, öffentlich zu erklären, daß man jeder Geschäftsbank, die keine Dollar mehr von anderen Banken leihen kann, aushelfen würde. Dieser Mitte September angekündigten konzertierten Aktion der Notenbanken folgte dann am 21. September schon der erste Notfall (Quelle: ARD Nachtmagazin, 21./22.09.2011, 0:00Uhr): Eine europäische Großbank, vermutlich eine französische, bekam keine US-Dollar mehr und wurde in einer Notaktion von der EZB eine Woche lang mit 500 Mio. USD versorgt.