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  • Euro-Schuldenkrise und internationale Schuldenkrise (Krisen-Special 2)

    (Düsseldorf, 27.09.2011) Das Wort "Euro" suggeriert, es handele sich um ein exklusives Problem der Euro-Zone. Weit gefehlt! UK, USA, Japan, alle haben sie ganz ähnliche Probleme. Doch zugegeben, sie haben einen, wenn auch sehr kleinen, Vorteil: Sie können im Falle einer zu hohen Schuldenlast ihre Währung abwerten. Ein Land wie Griechenland, als winziger Bruchteil einer Währungsunion, kann das natürlich nicht. Inzwischen hat selbst die deutsche Kanzlerin bemerkt, daß dies keine reine Währungskrise, sondern eine Schuldenkrise ist. Auch die Wirtschaftspresse hat dazugelernt und spricht nicht mehr von der Euro-Krise, sondern von der Euro-Schuldenkrise. Leider scheinen die wenigsten Leute, auch Ökonomen und Wirtschaftspolitiker, zu wissen, was eine Schuldenkrise eigentlich ist. In ihrer grenzenlosen Naivität scheinen sie zu glauben, eine Schuldenkrise wäre die Folge zu hoher Schulden. Natürlich ist dieser Gedanke im Kern nicht ganz falsch, doch das eigentliche Problem steckt hinter der mangelnden Nachfrage nach bestimmten Staatsanleihen.

    Wann ist ein Staat bankrott? Wenn er mehr Geld ausgibt, als er einnimmt? Nein, falsch, ganz falsch sogar! Denn ein Blick in die Geschichte zeigt, daß die meisten Staaten permanent mehr Geld ausgeben als sie einnehmen. Die Lücke zwischen Einnahmen und Ausgaben wird mit der jährlichen Neuverschuldung gestopft. Der Staat muß sich das fehlende Geld leihen und zwar am Kapitalmarkt. Hierzu emittiert er Staatsanleihen. Gelingt es dem Staat, sich per Emission von Staatsanleihen am Kapitalmarkt zu akzeptablen Zinsen zu (re)finanzieren ("re", weil auslaufende Anleihen ersetzt werden müssen), bleibt er zahlungsfähig. Das ist auch schon alles. Komplizierter ist die Schuldenkrise nicht.

    Jetzt drängt sich die Frage auf, warum z.B. Griechenland oder die anderen PIIGS-Staaten Schwierigkeiten haben, sich Geld am Kapitalmarkt zu leihen, oder andersherum formuliert: Warum ist die Nachfrage nach den PIIGS-Staatsanleihen so gering? Das liegt ganz einfach daran, daß die Investoren Angst bekommen haben, diese Staaten könnten eines Tages die Rückzahlung der Schulden einstellen. Wer leiht schon gerne Geld an jemanden, der möglicherweise nicht zurückzahlen kann? Als Folge dieser Angst geht die Nachfrage nach den Anleihen zurück, also auch ihr Preis, somit steigt automatisch der Zinssatz. Das wiederrum veranlasst große Ratingagenturen, die Bonität der betreffenden Länder niedriger zu bewerten. Folge: Wegen der schlechter eingeschätzten Bonität vergrößert sich die Angst der Investoren, die Kurse brechen weiter ein, die Zinsen steigen weiter, es kommt zur nächsten Abstufung durch die Ratingagenturen. Es ist ein reflexiver Teufelskreis aus Realitätswahrnehmung und Kursrückgang (bzw. Zinssteigerung), wie ihn George Soros in seiner Reflexivitätstheorie so treffend beschreibt. Die ökonomischen Grundlagen verlieren immer mehr an Bedeutung, die neue Realität wird vom Kursniveau (Zinsniveau) mitbestimmt. Erinnern wir uns nur daran, was viele Journalisten grotekerweise schrieben, als manche griechische Staatsanleihe 50% unter Pari notierte: "Der Markt fordert einen Schuldenschnitt i.H.v. 50%."

    Natürlich darf man die Höhe der Staatsverschuldung bzw. der Etatdefizite nicht völlig ignorieren. Doch wer sagt uns, wie viele Schulden noch akzeptabel sind, bzw. wie viele Schulden zu hoch sind? Üblicherweise messen wir den Gesamtschuldenstand (ohne implizite Schuldenlast aus Pensionsversprechen, etc.) und auch das jährliche Etatdefizit als Prozentsatz des Bruttoinlandsproduktes (BIP). Glaubt man Maastricht, dann führen Gesamtschulden von über 60% und Etatdefizite von mehr als drei Prozent ins Verderben. Glaubt man Professor Kenneth Rogoff, liegen die Grenzwerte mit 90% und 9% deutlich höher. Ich halte absolut nichts von starren Grenzwerten. Sie sind absolut dumm. Jedes Land ist anders. Nehmen wir Japan, welches seit vielen Jahren weit über Rogoff's Grenzwert für die Gesamtverschuldung liegt - momentan sogar mehr als 100% darüber. Solange die Nachfrage nach japanischen Staatsanleihen hoch genug bliebe, könnte Japan theoretisch sogar einen Gesamtschuldenstand von über 300% stemmen.

    Doch es ist ganz klar: Je niedriger die Staatsschulden, desto leichter fällt es, die Nachfrage nach Staatsanleihen hoch zu halten bzw. die Zinsen niedrig. Langfristig sollte so mancher Staat tatsächlich versuchen, den Gesamtschuldenstand relativ zum BIP zu senken. Doch das geht nur sehr langsam und dürfte in den meisten Fällen mehr als nur ein oder zwei Jahrzehnte dauern. Das Problem der schwachen Nachfrage nach Staatsanleihen hingegen ist kurzfristiger Natur und sollte auch kurzfristig gelöst werden. Für z.B. die Euro-Schuldenkrise gibt es diverse Lösungsvorschläge: Eurobonds, synthetische Eurobonds, gehebelte Rettungsschirme, welche die gehaltenen Anleihen als Sicherheit bei der EZB hinterlegen können, etc. Doch die Politik hat gegen alle Vorschläge Vorbehalte. Daher muß im Falle kurzfristig ausbleibender Nachfrage nach bestimmten Staatsanleihen, die Notenbank, in der Eurozone also die EZB, eingreifen und als "lender of last resort" die betreffenden Anleihen selbst kaufen.