Informationen für erfahrene Investoren
  •   Startseite  
  •   Publikationen  
  •   Aktienbrief  
  •   Kontakt  
  • Handelsbilanzungleichgewichte und die Dollar-Falle (Krisen-Special 4)

    (Düsseldorf, 03.10.2011) Handelsbilanzungleichgewichte gelten als großes Problem unserer Zeit. Die IMF-Chefin Christine Lagarde scheint große Anstrengungen unternehmen zu wollen, um diese zu beseitigen. Und sie ist nicht allein, ganz im Gegenteil. Besonders hohe Handelsbilanzdefizite und -überschüsse sind vielen Experten ein Dorn im Auge. Doch warum eigentlich? Was ist schlecht daran? Exportorientierte Länder wie China, Deutschland oder Japan haben Handelsbilanz- und somit meist auch Leistungsbilanzüberschüsse, wohingegen Länder wie UK oder die USA Handels- bzw. Leistungsbilanzdefizite aufweisen. Global gesehen gleichen sich Überschüsse und Defizite völlig aus, es ist ein Nullsummenspiel. Jeder Versuch, besonders große Handelsbilanzdefizite oder - überschüsse abzubauen, bedeutet für die Weltwirtschaft global gesehen einen Rückgang des Welthandels und der globalen Konjunktur. Das ist kein erstrebenswertes Ziel.

    Etwas ketzerisch kann man sogar behaupten, daß es z.B. der exportorientierten Deutschen Wirtschaft immer dann ganz besonders gut geht, wenn der Handelsbilanzüberschuß besonders hoch ist. Und seit 1980 gilt für die USA: Weitet sich das Handelsbilanzdefizit aus, dann ist das gut für das Wirtschaftswachstum. Geht es zurück, dann herrscht oft Rezession.

    Kaum jemand scheint sich zu ernsthaft Gedanken zu machen, wie es überhaupt zu einem so hohen Handelsblanzdefizit wie in den USA kommen kann. Wie man permanent mehr importieren als exportieren kann. Die Antwort ist völlig einfach: In die USA fließt Geld, sehr viel Geld. Offensichtlich ist das Land für nicht-amerikanische Investoren und Financiers sehr attraktiv, denn sie alle investieren freiwillig in die USA. Und jetzt kommen wir zum tatsächlichen Problem: Die Struktur dieses Kapitalzuflusses aus dem Ausland scheint ziemlich ungesund. Zu einem großen Teil handelt es sich um US-Staatsanleihenkäufe durch asiatische Notenbanken, v.a. der chinesischen Volksbank (Peoples Bank of China), die zu den ganz großen Gläubigern der USA geworden sind. Das ist noch nicht verwerflich, im Gegenteil. Aber problematisch. Denn was passiert, wenn die asiatischen Notenbanken plötzlich damit aufhören würden, die USA mit Geld zu versorgen, scheint klar: Handels- und Leistungsbilanzdefizite der USA würden schrumpfen, ebenso das BIP. Das BIP der USA macht rund 25% des Welt-BIP aus, somit wäre die Weltwirtschaft insgesamt mindestens rezessionsgefährdet, also auch Asien. Und darin liegt die begründete Hoffnung, daß die asiatischen Notenbanken sich eben nicht plötzlich von ihrer Gläubigerrolle verabschieden, sondern wenn, dann nur sukzessive und sehr langfristig, um die Gesundheit der Weltwirtschaft nicht zu gefährden.

    Besonders knifflig ist hier das Verhältnis China-USA, die beide gemeinsam in der Dollar-Falle stecken: Noch koppelt China seine Volkswährung Renminbi an den US-Dollar, da bei freiem Wechselkurs der Renminbi unter starken Aufwertungsdruck geraten sollte und China die unvermeidliche Aufwertung sehr langsam gestalten will. Dollar-Einnahmen aus dem Außenhandel werden von der chinesischen Volksbank in die Bilanz genommen; somit wird die Menge der Renminbi inflationär erhöht. Die Dollar-Reserven werden zum großen Teil in US-Staatsanleihen angelegt, was es den USA wiederum ermöglicht, das eigene Handelsbilanzdefizit auszuweiten, was natürlich auch mit erhöhten Importen aus China einhergeht und die chinesische Volksbank wiederrum zwingt, noch mehr US-Dollar in ihre Bilanz zu nehmen. Seit einiger Zeit bangt China um den Wert des Dollar und der US-Staatsanleihen und versucht, vom Dollar abzukehren. Doch die USA sind ein großer und wichtiger Handelspartner. Auch die USA profitieren von den Staatsanleihen-Käufen der Chinesen. Es liegt also ein beidseitiges Abhängigkeitsverhältnis vor.

    Die einseitige Kopplung des Renminbi an den US-Dollar wird bereits, in einem abermals absichtlich sehr langsamen Prozeß, aufgegeben. Auf lange Sicht sollte der Renminbi immer mehr an einen diversifizierten Devisenkorb gekoppelt werden. Und Chinas gigantische Devisenreserven sollten immer stärker diversifiziert angelegt werden können, u.a. auch in europäische Staatsanleihen oder sogar völlig andere Asset-Klassen.