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  • 2010: Das Jahr der Staatsbankrotte?

    (Düsseldorf, 20.01.2010) Gleich im ersten Monat des Jahres erlebten wir mit Jamaika den ersten Staatsbankrott 2010. Und es gibt eine lange Liste weiterer Pleitekandidaten unter den Staaten: Ländern wie Argentinien, Ukraine, Venezuela, Pakistan, Irak, Lettland oder Kalifornien räumt zumindest der Kapitalmarkt "gute" Chancen auf Zahlungsunfähigkeit ein. Doch das sind längst nicht alle. Nachdem im Dezember der Konzern Dubai World um Zahlungsaufschub gebeten hatte, gilt nun gar das ganze Emirat als Pleitekandidat. Selbst um EU-Staaten macht die Pleite-Gerüchteküche keinen Bogen. Schon seit langem gibt es den Ausdruck PIGS, eine Abkürzung für die Länder Portugal, Irland, Griechenland und Spanien, welche allesamt als Staatsbankrottkandidaten gelten, ganz besonders gilt dies nun für Griechenland, dessen Regierung vermutlich jahrelang die eigenen Wirtschaftszahlen (Haushalt, Verschuldung, Preissteigerung, etc.) manipuliert hatte, um den Beitritt zur Europäischen Währungsunion und somit zum Euro nicht zu gefährden oder gar erst möglich zu machen und nun mit einem Haushaltsdefizit von rund 12 Prozent oder mehr keine besonders gute Figur hinsichtlich der Bonität macht.

    Zwar herrscht noch längst keine übertriebene panische Angst vor den theoretisch denkbaren Staatsbankrotten, doch seit der relativ gleichzeitig einsetzenden Diskussion um Dubai und Griechenland wird doch eine gewisse Verunsicherung so macher Marktakteure spürbar. Aber es ist immerhin vorstellbar, dass im Falle des vermehrten Auftretens von Staatsbankrotten in 2010, die Angst - auch unter Aktionären - um sich greifen wird. Wäre diese Angst gerechtfertigt oder übertrieben? Ich glaube an letzteres. Erstens: Sehen wir uns die oben genannten Pleitekandidaten genauer an, so erkennen wir, daß es sich mit Ausnahme von Kalifornien und Spanien eher um kleinere Volkswirtschaften handelt. Somit relativiert sich das Problem schon einmal. Zweitens: Für die EU-Staaten, ausgenommen Griechenland, sehe weder ich, noch der Kapitalmarkt eine hohe Zahlungsausfallwahrscheinlichkeit. Wenn Sie sich jetzt fragen, woher ich zu wissen denke, was der Kapitalmarkt denkt, so kann ich das ganz leicht beantworten: Je höher die Marktakteure (der Kapitalmarkt) die Wahrscheinlichkeit eines drohenden Staatsbankrottes einschätzen, desto höher steigen natürlich auch die Zinsen der Staatsanleihen. So liegen die Zinsen griechischer Staatsanleihen wesentlich höher als bei anderen EU-Staaten, und über diesen Risikoaufschlag läßt sich auf die Ausfallwahrscheinlichkeit aus Sicht des Kapitalmarktes schließen.

    Sind die möglicherweise eintretenden Staatsbankrotte also völlig harmlos? Leider nein. Der Staatsbankrott des ein oder anderen kleinen oder mittleren Landes wie Lettland oder Griechenland stellt an sich zwar keine Gefahr für den internationalen Finanzmarkt oder speziell den Aktienmarkt dar. In solchen Fällen hilft der IMF (Internationaler Währungsfonds) dem jeweiligen Bankrotteur aus der Patsche. Je mehr Staaten zahlungsunfähig werden, umso teurer wird das ganze. Gefahr droht also nicht vom Bankrott per se, sondern von der Reaktion der Marktakteure. Als Aktionäre mussen wir nicht den Staatsbankrott fürchten, sondern vielmehr die Furcht vor dem Staatsbankrott. Sollte angesichts sich häufender Staatsbankrotte (dazu muß es ja gar nicht kommen!), die Angst der Marktakteure sprunghaft ins irrationale wachsen, dann wird sich möglicherweise eine große Zahl von Marktteilnehmern ernsthaft Sorgen über die Möglichkeit eines Staatsbankrottes einer wirklich großen Volkswirtschaft, wie den USA, Deutschland oder Japan machen. Man würde sogar mit Argumenten begründen, warum man eine Pleite von z.B. Deutschland für wahrscheinlich hält: Die Kosten der Finanzkrisenbewältigung und der Konjunkturprogramme hätten die Staatsverschuldung derart erhöht, daß man Schwierigkeiten sehen würde, neue Staatsanleihen an den Mann oder die Frau zu bringen. Ich hoffe, ich muß nicht extra erwähnen, wie absurd allein die Vorstellung des Staatsbankrottes von Deutschland im Jahr 2010 ist! Doch falls viele Marktteilnehmer bei aufkeimender irrationaler Angst solchen Sorgen anheimfallen würden, könnte dies unbequeme Folgen nach sich ziehen: Die Zinsen am Rentenmarkt könnten sehr schnell steigen, was gleichzeitig den Crash der Anleihen bedeuten würde. Und einem Crash am Anleihemarkt folgt beinahe immer, mit einigen Monaten Verzögerung, ein Crash am Aktienmarkt.

    Staatspleiten oder die Angst vor diesen haben zudem nicht nur für Anleihen und Aktien Konsequenzen. Auch der Devisenhandel kann beeinträchtigt werden. Ganz besonders, wenn man sich um die Bonität eines EU-Staates, wie eines der PIGS, sorgte, oder falls Griechenland tatsächlich pleite wäre. Dann würde dies die ohnehin schon unterschwellig vorhandene Sorge vor einem Zerfall des Euro-Systems enorm vergrößern. Und dies wäre - oder ist es schon? - ein willkommener Anlaß, um den für viele längst überfälligen Kursrutsch des Euro gegenüber dem Dollar in Richtung Kaufkraftparität (derzeit bei etwa 1,15 Dollar je Euro) einzuleiten.

    Lassen Sie mich am Schluß noch festhalten: Ich bin kein Aktiencrashprophet, sondern hinsichtlich der Aktienmarktentwicklung 2010 weder optimistisch noch pessimistisch gestimmt. Auch rechne ich nicht mit einem vermehrten Auftreten des Phänomens Staatsbankrott. Noch nicht einmal der eben geschilderten irrationalen Furcht vor Staatsbankrotten räume ich in diesem Jahr eine besonders hohe Wahrscheinlichkeit ein.
    Aber: Jedem Aktionär möchte ich dringend ich raten, genau diese Furcht zu fürchten. Behalten Sie die Entwicklung der Zinsen vor allem der Staatsanleihen, aber auch der Unternehmensanleihen im Auge. Ein massiver Zinsanstieg am Anleihemarkt wäre ein ernstes Warnsignal, ganz egal wie sich die Leitzinsen der Notenbanken entwickeln (diese werden vermutlich noch viele Monate auf dem aktuellen Rekordtief verharren).