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  • Der stille M3-Crash - Ende in Sicht?

    Letztlich gibt es keinen Unterschied zwischen Geld und Schulden: Sowohl in ihrer Entstehung, dem Geldschöpfungsprozeß, als auch ihrem hauptsächlichen Gebrauch, der Erzielung einer möglichst hohen Rendite, sind beide, Geld und Schulden, völlig identisch. Deshalb führt beinahe jeder im großen Stil betriebene Schuldenabbau zum Verlust von Geld, Rendite, Wachstum und Arbeit.

    (Düsseldorf, 27.08.2010) Crash, das bedeutet für viele den Verlust großer Mengen Geldes innerhalb eines überschaubaren Zeitraumes. Diese laienhafte Definition trifft wörtlich auf den stillen M3-Crash zu: In den Monaten nach dem ersten Quartal 2009 ging weit mehr als eine halbe Billion US-Dollar verloren. Eine Menge Geld. Berichtet wird darüber nur wenig. So bleibt der M3-Crash still und nahezu unbemerkt. Die US-amerikanische Geldmenge M3 schrumpfte von 14,7 auf deutlich unter 14 Billionen US-Dollar zusammen. Oder anders formuliert: Das jährliche Geldmengenwachstum (M3), welches Anfang 2008 noch bei +18% lag, schrumpfte Mitte 2010 auf -6% zusammen. Rekord! Doch auch in Europa gab es einen traurigen Rekord: M3 schrumpfte ebenfalls, und zwar zum allererstenmal in der - zugegeben: noch sehr kurzen - Geschichte des Euro. Allerdings kann zumindest die europäische Geldmenge M3 seit wenigen Wochen wieder zulegen, wenn auch nur um magere +0,2%. Anfang 2008 waren es noch knappe +12%. Da M3 in Japan seit vielen Jahren stagniert, muß man feststellen, daß in den letzten Monaten die globale Geldmenge M3, zumindest BIP-gewichtet, geschrumpft ist. Zum allerersten Mal seit der definitven Abkehr vom Goldstandard (zu dem wir hoffentlich niemals wieder zurückkehren)! Es gibt nur eine wirklich große Geldmenge M3, die derzeit noch stark wachsen kann und das ist die chinesische.

    Warum die chinesische Geldmenge M3 als einzige der großen vier Geldmengen der Erde stark wächst, hat vor allem zwei Gründe, einen ökonomischen und einen gesellschaftlichen. Ersterer ergibt sich ganz einfach daraus, daß die Chinesische Regierung vor allem ihren asiatischen Nachbarn Jahr für Jahr ein Wirtschaftswachstum von mehr als acht (die asiatische Glückszahl) Prozent vorweisen will. Deshalb sind die staatlichen Chinesischen Banken offensichtlich angewiesen, so viel neues Geld wie möglich zu schaffen. Und wie schafft man neues Geld? Ganz einfach: Man macht Schulden, vergibt neue Kredite. Leider in einem abenteuerlich hohem Tempo. Top-Analysten wie David Roche sprechen schon lange von einer Überhitzung und warnen vor einer Chinesischen Bankenkrise. Den zweiten, gesellschaftlichen Grund sehe ich darin, daß sich die meisten Chinesen im Gegensatz zu uns Kontinental-Europäern nicht schon von Kindesalter an gegenseitig einreden, Schulden machen wäre etwas schmutziges, verwerfliches, unmoralisches. In China scheint man, zumindest gilt dies für die Regierungsmitglieder, Schulden pragmatisch zu sehen, ähnlich wie die Angelsachsen. Schulden sind Mittel zum Zweck, ein nützliches Instrument zur Steigerung von Rendite, Wachstum, Arbeit und Wohlstand. Auch die Krisen, die auf jede starke Geldmengenausweitung folgen müssen, ihrerseits aber auch notwendige Voraussetzung für Wachstum und Fortschritt sind, werden weniger gefürchtet, sondern eher mit konfuzianistischem Gleichmut erwartet, denn China sollte, jeweils einige Zeit nach jeder Krise, wesentlich besser dastehen als zuvor. Allerdings sollte man sich stets vor Übertreibungen hüten, und das derzeitige M3-Wachstum scheint in China stark übertrieben.

    Moment: Chinas M3 steigt, weil in Rekordgeschwindigkeit neue Schulden gemacht werden. Die USA und viele EU-staaten machten doch in den letzten Monaten ebenfalls rekordverdächtig hohe neue Staatsschulden und trotzdem ist deren M3 geschrumpft. In Japan explodieren die Staatsschulden seit vielen Jahren, dennoch stagniert die Geldmenge ebensolange. Wie geht das zusammen? Ganz einfach: Neue Staatsschulden führen nicht automatisch zur Schöpfung neuen Geldes, denn es ist ein leichtes, den Erwerb neu emittierter Staatsanleihen mit bereits längst vorhandenem Geld zu finanzieren. Außerdem kann die Staatsverschuldung noch so sehr steigen, M3 schrumpft trotzdem, wenn andere Effekte überwiegen, wie z.B. der enorme Rückgang an nicht-staatlichen, also privatwirtschaftlichen Krediten. Japan z.B. hatte 1998 eine Staatsverschuldung i.H.v. rund 75% des Bruttoinlandsproduktes (BIP). 2009 waren es bereits weit mehr als 170%. Die Gesamtschulden Japans sind im selben Zeitraum aber gefallen, von etwa 345% auf 283%. Grund: Die nicht-staatlichen bzw. privatwirtschaftlichen Schulden schrumpften von 1998 bis 2009 von 270% auf knapp 175% zusammen. Da in Japan dieser Effekt der nicht-staatlichen Kreditschrumpfung den Effekt der steigenden Staatsverschuldung seit Jahren überwiegt, stagniert die dortige Geldmenge, ebenfalls seit Jahren. Seit Mitte der Neunziger Jahren gibt es in Japan also einen Rückgang der privatwirtschaftlichen Kreditvergabe im großen Stil. Genau deshalb vermissen wir in Japan seit langer Zeit Inflation, Wachstum und Rendite. Lediglich die Arbeitslosigkeit bleibt niedrig, aber das liegt wohl vor allem an der extremen japanischen Demographie.

    Natürlich schrillen bei manchen Analysten wie z.B. Herrn Dr. Jens Ehrhardt und einigen institutionellen Investoren seit geraumer Zeit die Alarmglocken, angesichts der fatalen Entwicklung der privatwirtschaftlichen Kreditvergabe und der beinahe weltweiten M3-Schrumpfung. Richtig ohrenbetäbend wurde der Alarm, als zu allem Überfluß auch noch viele Staaten die Absicht erklärten, ihre jeweilige Staatsneuverschuldung deutlich herunterzufahren. Sollten künftig nicht nur die nicht-staatlichen Kredite bzw. Schulden, sondern auch noch die staatlichen Schulden schrumpfen, würde es uns womöglich langfristig noch sehr viel schlechter gehen, als den Japanern in den vergangenen Jahren ergangen ist. Bei einem parallel verlaufenden Rückgang von staatlicher und privatwirtschaftlicher Verschuldung bliebe die Schrumpfung wohl nicht nur auf die breiten Geldmengenaggregate M3 beschränkt, sondern könnte auch enger gefaßte Geldmengen wie M2 oder gar M1 abschmelzen. Langfristig wäre dies, bei ähnlichen Geldumlaufgeschwindigkeiten wie wir sie gewohnt sind, sowohl für die Wirtschaft als auch die Börse katastrophal.

    Doch noch gibt es keinen Grund, aus dem Fenster zu springen! Erstens ist es kaum vorstellbar, daß die Regierungen der Staaten, die jetzt noch vollmundig Schuldenabbau versprechen, in den kommenden Jahren Wort halten können oder wollen werden. Zweitens springt seit wenigen Wochen die privatwirtschaftliche Kreditvergabe wieder deutlich und spürbar an, in EU und USA. Gerade dieser Punkt nährt die Hoffnung auf ein baldiges Ende des stillen M3-Crash.