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  • Wahrnehmungsfalle KGV

    Zwei Privatanleger unterhalten sich angeregt am Aktienstammtisch. "Ich bin gestern bei der Hochstapel AG eingestiegen! Die Aktie hat sich in den letzten zwölf Monaten verdoppelt und das KGV ist immer noch bei 10", frohlockt der eine. Verwundert schüttelt sein Gesprächspartner den Kopf: "Komisch, gestern hat der Value-Fondsmanager Stefan Vielerfahren in einem Fernsehinterview behauptet, die Hochstapel AG wäre ihm zu teuer und das KGV läge bei 50! Was stimmt denn jetzt?"

    Zufällig sitzt am Nebentisch der Finanzanalyst Oberschlau, der die Unterhaltung mitbekommen hat, und mischt sich ein: "Beides stimmt! Bezogen auf den erwarteten Gewinn des übernächsten Jahres beträgt das KGV 10, bezogen auf den Gewinn, der im letzten Jahresabschluß berichtet wurde, beträgt das KGV 50. Wenn Sie allerdings daran glauben, daß die Hochstapel AG ihren Gewinn bis übernächstes Jahr verfünffacht, liegt das erwartete KGV tatsächlich bei 10."
    "Und, glauben Sie daran?"
    "Ja, die Verfünffachung des Gewinns scheint realisierbar. Der Vorstand der Hochstapel AG hat einem Kollegen von mir glaubhaft versichert, daß dieses Ziel erreicht werden kann."
    Gleich am nächsten Tag kauft auch der zweite Privatanleger einige Hochstapel Aktien, der Finanzanalyst Oberschlau ist längst investiert.

    Ein Jahr später ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen den Vorstand der Hochstapel AG, unter anderem wegen des Verdachts auf Betrug und Bilazmanipulation, woraufhin die Aktie um über 90 Prozent einbricht. Die Frage nach dem stimmigen KGV (Kurs-Gewinn-Verhältnis) stellt sich nicht mehr, denn das Unternehmen macht inzwischen Verlust. Analyst Oberschlau und die beiden Privatanleger verloren viel Geld mit ihren Hochstapel Aktien, wohingegen der Value-Fondsmanager Vielerfahren gute Gewinne mit ganz anderen Aktien machen konnte.

    Im Gegensatz zu Herrn Vielerfahren sind die beiden Privatanleger und der Analyst Oberschlau in eine Wahrnehmungsfalle getappt: Der starke Kursanstieg der Hochstapel Aktie (100 Prozent in einem Jahr) machte sie gierig und blind für objektive Überlegungen. Keiner der drei überlegte ernsthaft, ob es objektiv wahrscheinlich sei, daß sich der Gewinn der Hochstapel AG verfünffachen könnte. Weil sie sich sehnlichst wünschten, daß sich der Kurs der Aktie abermals verdoppeln würde, wollten sie einfach daran glauben. Die beiden Privatanleger wurden in diesem subjektiven, beinahe zwanghaften Glauben bestärkt, da sie aus dem Munde eines Profis (Oberschlau) erfuhren, daß die recht ambitionierte Gewinnprognose realisierbar sei. Oberschlau selbst vertraute auf die Aussage seines renommierten Kollegen. Einzig der Fondsmanager Vielerfahren bewertete die Hochstapel AG objektiv und investierte nicht.

    Zugegeben, dies ist ein hypothetisches Beispiel. In der Realität erkennt man Hochstapler natürlich nicht am Namen, meistens zumindest. Ein Aktienkauf aufgrund eines einzigen Argumentes - hier das KGV - macht nat&uum;rlich überhaupt keinen Sinn. Einzig und allein mit dem KGV läßt sich kein Unternehmen vernünftig bewerten, schon gar nicht, wenn als Bezugsgröße lediglich der Gewinn eines einzigen Jahres herangezogen wird. Dies gilt erst recht, wenn dieser Gewinn dann auch noch nicht einmal realisiert worden ist, sondern nur eine Prognose bzw. Erwartung darstellt. Inzwischen belegen dutzende empirische Studien, daß selbst die besten Analysten meist nicht dazu in der Lage sind, den Gewinn des laufenden Geschäftsjahres auch nur annähernd richtig zu prognostizieren.

    Deshalb benutzt Boersenreflex.de bei der KGV-Analyse die tatsächlichen Gewinne mehrerer Jahre als Grundlage. Für zukünftig erwartete Gewinne wird ein breiter Wahrscheinlichkeitsbereich ermittelt.

    Warum der Gewinn eines einzelnen Jahres für die Analyse unzureichend ist, ist schnell erklärt: Denken Sie sich eine Aktie, deren Kurs seit fünf Jahren um 100 Euro pendelt. Der Gewinn pro Aktie lag in den letzten Jahren etwa bei 7,50 Euro. Der Markt bewertete die Aktie also im Schnitt mit einem KGV von etwa 15. Im sechsten Jahr sinkt der Gewinn pro Aktie auf einen Euro, weil das Unternehmen in neue Systeme und bessere Maschinen investiert. Beim Kurs von 100 beträgt das (auf das einzelne sechste Jahr bezogene) KGV nun plötzlich 100, ein Wert der isoliert betrachtet eine hoffnungslose Überbewertung anzeigt. Doch bereits ein Jahr später macht das Unternehmen wieder 7,50 Euro Gewinn, in den Jahren darauf dank der Investitionen sogar mehr als 9 Euro. Geht man davon aus, daß der "fair Value" des Unternehmens etwa bei einem KGV von 15 zu finden ist, wäre das Unternehmen nur auf Grundlage des KGVs in Höhe von 100 im Jahr der Investitionen plötzlich nicht mehr 100, sondern nur noch 15 Euro pro Anteilsschein wert! Im Jahr darauf dann wieder 100 Euro. Macht das Sinn? Natürlich nicht! Aber, Sie werden lachen, solche Situationen, solch ein offensichtlicher Irrsinn, sind an der Börse nicht die Ausnahme! Wann immer Boersenreflex.de eine derartige Situation erkennt, wird entsprechend investiert. Als Abonnent werden Sie selbstredend binnen Minuten per E-Mail informiert.